Die Katastrophe der KURSK

Teil 2

Auch ich schließe mich der Trauer um die 118 Marinesoldaten, des am 11.08.2000 gesunkenen russischen U-Bootes "KURSK" an.

Richard Stokowski

Musik im Hintergrund: Russian Red Marine Army Chor

(KURSK 1024 x 768 Pixel )

Zum Gedenken an die russischen U-Bootfahrer.

( Berichte aus der Zeitschrift " DER SPIEGEL " ; Nummer: 34 vom 21.08.2000 entnommen und nur unter Vorbehalt der freundlichen Genehmigung des SPIEGELS , hier veröffentlicht.)


Atom-U-Boot "KURSK "unsere Jungs kommen nicht wieder"
Wenn ein Atheist und Stabsoffizier erklärt, die Situation sei so ernst, dass nur noch beten helfe, dann muss man davon ausgehen, dass die Lage hoffnungslos ist.
Es war in der abendlichen Nachrichtensendung des offiziösen russischen TV-Senders ORT am Mittwochabend um acht Uhr. Jekaterina Andrejewa, 35, Russlands beliebteste TV-Journalistin, fragte Igor Dygalo, den Sprecher der Russischen Flotte, wie lange der Sauerstoff für die Mannschaft der "KURSK" noch reiche.Statt eine Antwort zu geben, hielt Stabsoffizier Dygalo eine Ikone in die Kamera und bat Zuschauer und Interviewerin mit bebender Stimme, für die auf Grund gelaufenen Kameraden ein Gebet zu sprechen. Da ahnten alle: Es ist vorbei.
Noch am Dienstag, drei Tage nach dem Unglück, hatten die Militärs alle Einzelheiten streng geheim gehalten.Die Russen erfuhren nicht von ihrem Flottenstab, sondern über das US-Pentagon, dass das Atom-U-Boot "KURSK" mit über hundert Mann an Bord im Eismeer auf Grund gegangen war.

"KURSK" -Kommandant Ljatschin und Besatzung bei der Kommandoübernahme auf der "KURSK" im Mai 2000
"Ein Ertrinkender muss sich selbst helfen"
Seine Reaktion auf die Tragödie im hohen Norden bringt vor allem Wladimir Putin in die Klemme, den Präsidenten und Oberkommandierende der Streitkräfte.Er ließ sich erst am Mittwoch in Sotschi am Schwarzen Meer, auf der Sonnenseite Russlands, geschäftsmäßig zur Sache vernehmen: Die Lage des U-Boots und seiner Mannschaft sei "kritisch", es werde jedoch "alles, was zu tun ist, vor Ort unternommen". Schluss. Kein Wort des Bedauerns. Dazu trug er auch noch Freizeithosen und Polohemd.
Die Russen erkannten ihren Präsidenten nicht wieder.Der vitale Macher und selbst erklärte Sieger von Grosny wirkte mürrisch und desinteressiert. Er brauchte drei Tage, um sich zu einem Hilfsappell an den Westen durchzuringen. Er hielt es auch nicht für nötig, nach Murmansk zu reisen, um sich an Ort und Stelle ein Bild von der Katastrophe und vom Fortgang der Rettungsarbeiten zu machen.


Im Stab der russischen Flotte herrschte schon Anfang voriger Woche Endzeitstimmung. Ein Kapitän a.D. zum SPIEGEL: "Die Kameraden in Murmansk haben mir gesagt: Unsere Jungs kommen nicht wieder."
Ilja Koslow, Konteradmiral aus dem russischen Katastrophenschutzministerium, sagte, die Flotte selbst sei zu qualifizierten Rettungsaktionen kaum noch in der Lage. Für den Aufbau eines speziellen Rettungsdienstes sei einfach kein Geld da: "Bei uns muss ein Ertrinkender sich selbst retten."
Für Wladimir Putin, den Mann von der Küste, ist die Kriegsflotte ein nationales Prestigeobjekt erster Ordnung. Im Wahlkampf - als bereits amtierender Präsident - unterzeichnete er einen Ukas über die "Kriegsflottentätigkeit". Russland, so hieß es darin, müsse "seinen Status als Meeres - Weltmacht erhalten". Die wichtigste Basis der Nord - und der Pazifikflotte, so der Putin - Befehl, seien immer noch "die strategischen Raketen-U-Boote".
Wie zu sowjetischen Zeiten würde Putin russische Kriegsschiffe gern wieder auf allen Weltmeeren präsent sehen, vor allem, weil dort "die Flotten führender Marine-Mächte nicht zum Nutzen Russlands" kreuzten. Ein fernes Ziel bei einem jährlichen Rüstungsetat von 5 Milliarden Dollar (USA: 288 Milliarden).
Die Marine ist in Russland eine Ikone.Wer sie kritisiert, zieht sich den Zorn der Admiralität auf den Hals. Die Armeezeitung "Roter Stern" wetterte gegen die "Oligarchen" von der Presse, die das Wort Meinungsfreiheit "nicht ganz auf Russisch" aussprächen. "Jene Auserwählten" hätten keine Beziehung zu Russland und seinem Volk. Sie sollten sich nicht wundern, "wenn man sie eines Tages zur Tür hinausweist".

Präsident Putin
Kein Wort des Bedauerns
Bei einem Marinebesuch Anfang April in Murmansk signalisierte der Staatschef vollmundig seine Unterstützung für die schwimmende Truppe. "Eine solche Flotte, die das wirklich seltene Handwerk beherrscht, das eisige Nordmeer zu befahren", gebe es sonst auf der Welt nicht. Um seine Solidarität mit der Marine zu demonstrieren, verbrachte Putin die Nacht in der Koje eines Atom-U-Boots gleich hinter dem Torpedoraum.
"KURSK" -Kapitän Gennadij Ljatschin wäre gern beim Besuch seines Oberkommandierenden dabei gewesen. Doch sein Schiff war am Tag, als Putin eintraf, gerade ausgelaufen.


Rettungsschiff vor Murmansk: "Glaube, Hoffnung, Liebe"
Widjajewo liegt am Ende einer kleinen Bucht zwischen Murmansk und der norwegischen Grenze. Ein Obelisk ziert die Einfahrt in die graue Garnisonssiedlung. Er ist jenen Seeleuten gewidmet, die auf See geblieben sind.
Vor der Ikone in der kleinen Regimentskirche des Divisionsstabs knistern brennende Kerzen, ein halbes Dutzend Frauen betet, dass die am Obelisken eingemeißelte Totenliste jetzt nicht um viele neue Namen verlängert werden muss.
"Prächtig" würden sich vor allem die Offiziersgattinnen halten, lobt Garnisionschef Jurij Morosow. Um die betroffenen Angehörigen von ihren traurigen Gedanken abzulenken, hat er im Offiziersclub ein gemeinsames Teetrinken und Spiele für die Offizierskinder angesetzt. Doch niemand kommt. Die Frauen bleiben lieber unter sich. "Die letzten Tage waren die Hölle", sagt Galina Belogunja, "keine Informationen, nur Gerüchte. Und jede Nachrichtensendung klang wie ein Gerichtsurteil." Galinas Mann ist Kapitän Zweiten Ranges und Vizechef des elektromechanischen Dienstes auf der "KURSK".
Dienstagmittag, am dritten Tag nach dem Untergang, werden die Frauen in die Kaserne gerufen. Aber die Offiziere beten nur die Fernsehmeldungen nach, niemand sagt etwas Konkretes. Es ist wie zu Sowjetzeiten. Devise: Die beste Informationspolitik ist gar keine Informationspolitik.


Britisches Rettungs - U - Boot "LR5" : "Dieses verdammte Land tut nichts, um meinen Mann zu retten"
Dienstagnachmittag um vier sollte die Evakuierung der "KURSK" beginnen, haben die divisionschefs den Frauen gesagt. Was denn die Flottenführung in den Tagen vorher eigentlich gemacht hätte, wollen sie wissen. Es sei ihr zuallererst um die Rettung des teuren Schiffs gegangen, glaubt Galinas Nachbarin Swetlana. Eine Frau schreit: "Mein Mann liegt auf dem Meeresgrund, und dieses verdammte Land tut nichts, um ihn zu retten!"
Weil man nicht wissen kann, wie das Volk reagiert, hat Gouverneur Jurij Jewdokimow die Wachen um das Flottenzentrum Seweromorsk und um die Garnision von Widjajewo sicherheitshalber verstärkt. Sogar das Ratgebertelefon für die Angehörigen wurde zeitweilig abgeklemmt.
Viele Murmansker Bürger haben zudem Angst vor Radioaktivität. Doch der Gouveneur der Provinz Murmansk lässt mitteilen, eine nukleare Verschmutzung der Umwelt sei "wenig warscheinlich". Vorsichtig fügte er sogleich hinzu, seine Administration sei "auf jede denkbare Entwicklung der Ereignisse" vorbereitet.
Das Geheimnis um Ursache und Umfang der Katastrophe, die in der Nacht vom 12. auf den 13. August eines der größten Unterwasserschiffe der Erde auf den Grund der Barentssee schickte, war auch Ende voriger Woche noch nicht gelüftet. Doch aus dem Gespinst von Informationen, Vermutungen, Halbwahrheiten und platten Lügen schälte sich eine Wahrheit immer deutlicher heraus: Das wirkliche Ausmaß des Desasters war größer, als Moskaus Admiräle zugeben mochten.
Es sieht ganz so aus, als habe das Paradeschiff der russischen Flotte von Anfang an keine Chance gehabt. Das könnte auch erklären, warum die Marineführung die Nation zunächst gar nicht, dann widersprüchlich und unvollständig über das Desaster im Eismeer informierte. Auch Moskaus zunächst kategorisches "Njet" zu jeder Bergungshilfe durch die West - Navies macht eher Sinn, wenn es der ehemaligen Supermacht im Grunde nur darum ging, ihr Gesicht zu wahren.
Lag der russischen Regierung vor allem daran, vor der Weltöffentlichkeit zu verschleiern, wie nahe sie dem maritimen GAU durch den Untergang der nuklear angetriebenen "KURSK" gekommen ist, dann konnte westliche Rettungshilfe dabei nur stören. Denn eines ist sicher: Die automatische Schnellabschaltung, mit der die beiden Druckwasserreaktoren im Schiffsheck offenbar auf Null - Last heruntergefahren wurden, hat die Gefahr eines Tschernobyl im Eismeer keineswegs gebannt. Noch tagelang müssen die Brennstäbe aus hochangereichertem Uran gekühlt werden, damit sie nicht in einer unkontrollierten Kettenreaktion zur Glutsuppe zerfließen, die sich durch den stählernen Rumpf bis auf den Meeresboden durchfrisst und die Fischgründe der Umgebung verseucht.


U - Boot - Reaktorraum ; Kettenreaktion und Glutsuppe
Zwar verfügen die Reaktoren des Unglücksbootes über eine moderne Konvektionskühlung, die Kühlmittel ohne den Einsatz von Pumpen an den heißen Strahlungsöfen vorbeileitet und so den Wärmestau verhindern soll. Ist diese Selbstkühlung aber beschädigt oder blockiert, droht weiterhin der größte aller anzunehmenden Unfälle.
Das Katastrophenmanagement war katastrophal. Zunächst gab die Marineführung den Sonntag als Unglückstag an, obwohl die "KURSK" bereits am Samstag gesunken war. Dann erklärte Marinechef Wladimir Kurojedow, der Sauerstoffvorrat im Boot reiche nur noch bis zum 18. August, tags darauf nannte er ohne weitere Erklärung dann den 25. als finales Datum.
Bis Mitte der Woche galten 116 Mann als vermisst, dann waren es plötzlich 118 - einschließlich von Stabsoffizieren des Flottenkommandos, die sich zur Manöverbeobachtung mit eingeschifft hatten. Ende der Woche waren es angeblich nur noch 113 Mann.
Besonders verwirrend auch die Angaben über die angeblichen Klopfzeichen der Eingeschlossenen: Mal wurde die Meldung groß hinausposaunt, dann wurde sie wieder dementiert. Am Mittwoch hieß es schließlich, das stählerne SOS sei endgültig verstummt, was andere Dienststellen widerum verneinten.
Die amerikanischen Eismeer-Watcher glauben, dass es gar keinen Notruf aus dem Rumpf der "KURSK" gab. Sie überwachen seit Jahrzehnten das Nordpolarmeer - wichtigstes Testareal der russischen Flotte und früher der Sowjetflotte - so engmaschig wie kein anderes Seegebiet auf der Welt. Hochempfindliche Hydrophonketten zwischen Norwegen und Island sowie supersensible Lauschbojen im Eismeer selber erfassen über Hunderte , manchmal Tausende Kilometer jedes Geräusch unter Wasser und melden es an Auswertungscomputer.
Binnen Sekunden werden dann Art und Ursache der Schallwellen analysiert - vom Gesang der Wale bis zum Schleppnetzrauschen der Hochseefischer. Die Unterwasserohren der einzig verbliebenen Supermacht hätten zwar zwei explosionsartige Geräusche zum Zeitpunkt der Katastrophe aufgezeichnet, hieß es vorige Woche in US - Geheimdienstkreisen. Registriert wurde jedoch kein Hämmern aus dem stählernen Sarg der "KURSK".
Auch die russischen Taucher haben wohl kein Lebenszeichen mehr vernommen. Das mag erklären, warum die russische Marine auch bei Gesprächen in der Brüsseler Nato - Zentrale am vorigen Donnerstag jede zusätzliche Hilfe ablehnte.
Dabei hätten die Briten binnen zwölf Stunden ihr Rettungsteam Smerat (Submarine Escape Rescue and Advisory Team), mit abstand die qualifiziertesten Unterwasserretter der Nato, über dem Unglücksort abspringen lassen können. Diese fallschirmtauglichen Tieftauchspezialisten hatten schon 1987 bei einem Übungseinsatz ohne Tauchglocke oder ähnliche Druckkörper einen Rettungseinsatz in unglaublichen 183 Metern Tiefe vorgeführt.
Wenn es jedoch - entgegen öffentlichen Beteuerungen - längst keine Hoffnung mehr auf Überlebende gab, dann dürfte Moskau auch den Einsatz des britischen Rettungs - U - Boots "LR 5" und eines norwegischen Taucherteams als makabren Propaganda - Plot zur Beruhigung der Heimatfront missbraucht haben. Nach tagelangem Zögern war die "LR 5" am Mittwoch an Bord des weltgrößten Transportflugzeugs, einer russischen Antonow - 124, aus dem schottischen Glasgow ins norwegische Trondheim geflogen worden. Doch für den ersten Ernstfalleinsatz fehlte noch immer ein offizielles Hilfeersuchen aus Moskau, als die "LR 5" längst an Bord des Mutterschiffs "Normand Pioneer" durch schwere See die 2400 Kilometer lange Fahrt in die Barentssee angetreten hatte.


Mindestens zehnmal waren die Russen zuvor bei dem Versuch gescheitert, ihre Bergungsglocke "Bester" über einer Rettungsluke der in etwa 100 Meter Wassertiefe liegenden "KURSK" anzudocken. Die extreme Strömung, Sichtverhältnisse nahe null, die Schlagseite des Havaristen sowie Schäden am Luck vereitelten den Erfolg.
Was die Taucher vom Meeresboden berichteten, ergab ein "seltsames Schadensbild", wie ein Marinesprecher es ausdrückte. Im Bug - Torpedoraum des Monsters klafft ein Loch. Dahinter ist offenbar die Luke von einem der beiden vorderen Raketenschächte aufgesprengt. Teile der Rumpfverkleidung, deren Doppelhülle für besonders hohe Belastungen ausgelegt ist, liegen auf dem Meeresboden. Und auch der Turm über der Kommandozentrale des Unterwasserkreuzers weist schwere Beschädigungen auf.
Die Explosion eines Torpedos, die zunächst am häufigsten vermutete Ursache, oder irrtümlicher Beschuss durch ein anderes Fahrzeug der Manöver - Armada können das Schadensbild nicht erklären. Viel wahrscheinlicher sei ein Zusammenstoß, berichteten Beobachter von dem Kommandoschiff der Suchflottille, dem Raketenkreuzer "Peter der Große" - benannt nach jenem Zar, der um 1700 der Welt größte Landmacht zur Seemacht aufrüsten wollte.
Dass die "KURSK" einen Unterwasserfelsen gerammt haben könnte, ist unwarscheinlich. Zum einen verfügen russische Kapitäne über ausgezeichnete Seekarten gerade der Barentssee; zum anderen lassen sich damit die Turmschäden kaum erklären.
Möglich wäre die Kollision mit einem amerikanischen Spionage - U - Boot. Darauf jedenfals zielte am Freitag der hochdramatische Bericht des einzigen Reporters an Bord der "Peter der Große" : Er habe erfahren, dass kurz nach der "KURSK" - Katastrophe "Rettungsinseln mit fremden Seeleuten" aufgetaucht seien.
Eilends beteuerte daraufhin US-Verteidigungsminister William Cohen erneut, kein amerikanisches Schiff sei an dem Vorfall beteiligt gewesen. Überraschend war am Freitag CIA - Chef George Tenet zu einem Blitzbesuch in Moskau eingetroffen. In welchem Zusammenhang seine Gespräche mit den Ereignissen in der Barentssee standen, blieb zunächst Gegenstand heftiger Spekulationen.
Tatsache ist, dass sich schon während des Kalten Krieges Tauchfahrer beider Nationen im Randmeer um die KOLA - Halbinsel abenteuerliche Verfolgungsjagden geliefert haben. Tom Clancys Romanthriller "Jagd auf Roter Oktober" hat diesem stillen Unterwasserkrieg in den Tiefen der Weltmeere zu literarischem Ruhm verholfen.
Noch 1993 hatte es in der Barentssee tüchtig gekracht, als ein russisches Raketen - U - Boot der Delta - Klasse mit seinem US-Beschatter, der "Grayling", kollidierte. Beide Schiffe erreichten aber sichere Häfen.
Diesmal kreuzten zwei amerikanische Unterwasserspäher und ein Überwasserschiff im Seegebiet vor Murmansk. Sie hatten den Auftrag, das seit Jahren größte Manöver der russischen Marine zu beobachten, bei dem auch Torpedos, Marschflugkörper und sogar eine Interkontinentalrakete eingesetzt wurden. Das zweite US - U - Boot könnte im Schutz der Dunkelheit die schiffbrüchigen Amerikaner samt ihren verräterischen Rettungsgeräten eingesammelt haben.
Stimmt der Bericht des Reporters, dann müsste irgendwo, nicht weit von der "KURSK" ein zweites U-Boot-Wrack liegen, zermalmt von dem russischen Koloss, der mit fast 18 300 Tonnen mehr als doppelt so viel Wasser verdrängt wie alle 14 Tauchschiffe der Bundesmarine zusammen.

Russisches Rettungs - U - Boot: Vergebliche Tauchgänge
Vizepremier Ilja Klebanow bestätigte in Murmansk, die Havarie sei durch "zwei extrem starke dynamische Schläge" herbeigeführt worden, das Boot sei innerhalb von nur zwei Minuten gesunken. Einzig mögliche Schlussfolgerung sei ein Zusammenstoß "mit einem Objekt großer Tonnage".
Die "KURSK" sank mit ausgefahrenem Sehrohr. Das könnte für einen Zusammenstoß mit einem Überwasserschiff sprechen.
Alle Anzeichen deuten jedenfalls auf eine gewaltige Kollision, bei der nicht nur der vordere Torpedoraum, sondern auch das dahinter liegende Mannschaftsquartier und die Kommandozentrale binnen Sekunden geflutet und große Teile der Besatzung getötet wurden. Die Konstrukteure des erst 1995 in Dienst gestellten Schiffs sind sicher, dass Boote der Oskar-2 - Klasse nur sinken können, wenn mindestens 40 Prozent des 154 Meter langen Ungetüms voll Wasser laufen.
Ansonsten gibt es für U - Boot - Fahrer nach einer Havarie nur eine erwünschte Bewegungsrichtung - nach oben zur rettenden Meeresoberfläche. Der deutsche Bootstyp 206 A zum Beispiel ist mit vier Tauchzellen ausgestattet, die ihm auch im Notfall Auftrieb geben. Wird nur eine von ihnen mit Pressluft angeblasen, taucht selbst ein bewegungsunfähiges Schiff wieder auf.
Das Nervenzentrum des Schiffs muss durch einen Crash, gefolgt von der Explosion eines bereits geladenen Torpedos oder eines Marschflugkörpers, lahm gelegt worden sein. Das würde auch erklären, warum keine der Notvorrichtungen aktiviert wurden. Signalbojen und schwimmfähige Außenantennen können im Notfall vom Schiffsrumpf losgesprengt und zur Kommunikation mit Rettern auch vom gesunkenen Boot aus aktiviert werden. Bei der "KURSK" blieben sie ungenutzt.
Ein massiver Schaden, der weite Teile des Schiffs unbegehbar gemacht hätte, böte zudem eine Erklärung dafür, warum Überlebende, wenn es denn überhaupt welche gab, sich nicht in eine der beiden Rettungskapseln flüchteten, die sie sicher nach oben getragen hätten.
Die Seeleute in den vorderen Schiffssektionen waren vermutlich sofort tot. Wie lange die Matrosen im Heck überlebt haben, hängt von zwei Faktoren ab: von der verfügbaren Sauerstoffmenge und von der Möglichkeit,Kohlenoxyde aus der Atemluft zu filtern.
Das Ende kommt nach Meinung von Thilo Bode, 82, im Zweiten Weltkrieg Kommandant von u 858, nicht plötzlich, sondern sanft und schleichend. Bode: "Die schlafen einfach ein."
Womöglich hatte die "KURSK" zum Unfallzeitpunkt genau das geübt, wofür sie gebaut worden war: die Verfolgung und Vernichtung anderer Großkampfschiffe, vor allem amerikanischer Flugzeugträger.
Es ist auch denkbar,dass eines der mitübenden Kriegsschiffe tatsächlich mit Volldampf die "KURSK" überfuhr. Doch den Zusammenprall mit dem Oskar - Monster dürfte selbst der Flugzeugträger nicht schadlos überstanden haben, der an dem Seemanöver beteiligt war.
Nicht ausgeschlossen ist auch, dass ein ziviler Eisbrecher die "KURSK" gerammt hat, wie aus der Umgebung von EX - Präsident Boris Jelzin verlautet. Nur: Warum hat der Eisbrecher nicht angehalten?


U - Boote in einer St.Petersburger Werft: Feuer an Bord, Wassereinbruch, Lecks im Kühlsystem, explodierende Torpedos und Raketen.
Die "KURSK" - Katastrophe ist nur eine von vielen, in denen atomgetriebene Schiffe zu Schaden kamen. Bei 121 Zwischenfällen russischer Nuklear - Boote starben von 1956 bis 1991 mindestens 507 Seeleute. Weit mehr erlitten schwere Strahlenschäden.
Nach Zählung der norwegischen Umweltorganisation "Bellona" liegen auf dem Meeresgrund die Wracks von mindestens fünf Atom - U - Booten, die nach Explosionen oder Unfällen untergingen: die amerikanischen "Thresher" und "Scorpion" sowie die russischen Boote "K - 8", "K - 219" und "Komsomolez". Alle Schiffe verschwanden samt ihrem Kernbrennstoff und allen Waffen.
Die Bellona - Havariechronik listet seitenweise schwere und schwerste Unfälle auf, bei denen es zum Teil auch zum "loss of control" kam. Feuer an Bord, Wassereinbruch, Lecks im Kühlsystem, explodierende Torpedos, Raketen und schmelzende Reaktoren. Die Anzahl der Toten und Totalschäden ist so niederschmetternd hoch, dass die U - Boot - Waffe längst ausgemustert wäre, wenn es einen TÜV für sie gäbe.
So marode wie dieses U-Boot,so marode ist der größte Teil der Marine.
Dazu kommt eine hohe Dunkelziffer. Mehr als die Hälfte aller Atomreaktoren der Erde sind auf Kriegsschiffen installiert. Weil deren Aggregate wesentlich kleiner und gefährdeter sind als die von stationären Reaktoren, muss man davon ausgehen, dass auf einen Störfall an Land fünf bis zehn Störfälle auf See kommen. Zu hören ist davon nur deswegen wenig, weil Militärs noch weniger mitteilsam sind als AKW - Betreiber.
Bei mindestens zehn Vorfällen gerieten Reaktoren außer Kontrolle. Zweimal kam es sogar zu teilweisen Kernschmelzen, die leicht zum GAU hätten führen können.
Mindestens 50 Atomsprengköpfe haben die einstigen Supermacht - Konkurrenten über die Jahre in den Ozeanen verloren - von der kompletten Raketenausrüstung eines strategischen U - Boots der Sowjetmarine bis zur Atombombe, die mit einem amerikanischen B - 52 - Bomber 1968 bei Grönland abstürzte.
Allerdings, das radioaktive Bombenmetall stellt in absehbarer Zeit keine unmittelbare Bedrohung dar. Anders die viel größeren Reaktoren, die mit ihren Schiffen versanken oder einfach zur Entsorgung ins Meer gekippt wurden. Sie bergen weit mehr und weit gefährlichere Spaltprodukte, di - von der Korrosion gelöst - sehr schnell als tödliches Gift in den maritimen Kreislauf des Lebens geraten können.
Oslo beteuert seit vielen Jahren mit stereotyper Beharrlichkeit, die Barentssee sei ein sauberes Meer - jedenfalls sauberer als die Nordsee. Wer die Entsorgungsgepflogenheiten der russischen Kriegsmarine kennt, ist geneigt, das für eine verwegene Behauptung zu halten.
Tatsächlich ist die westliche Barentssee die größte atomare Müllkippe der Erde. An der Ostseite der Insel Nowaja Semlja hat die Sowjetmarine 17 ausgemusterte Reaktorblöcke und ganze Schiffsladungen Fässer und Container mit teilweise hochradioaktivem Müll einfach ins Meer gekippt. Immer nach dem Motto: aus den Augen, aus dem Sinn.
Bei den Verklappungsfahrten seien jedes Mal mehrere tausend Tonnen verseuchtes Material entsorgt worden, sagt Andrej Solotkow, der Chef von Bellona Murmansk, der ein Vierteljahrhundert als Ingenieur auf den Atomeisbrecher "Lenin" und "Arktika" gefahren ist.
Nowaja Semlja und die umliegenden Gewässer tragen auch noch immer an den Folgelasten von 130 Atombombentests. Heute wird hier nicht mehr gebombt.Doch die Flüsse OB und Jenissej führen immer noch die kontaminierten Abfälle aus den Kernkraftwerken und Atomfabriken von Zentralsibirien ins Meer.
Im Fernen Osten Russlands herrscht die gleiche atomare Schluderwirtschaft: Vor der ostsibirischen Küste hat die Kriegsmarine - laut Greenpeace - feste und flüssige radioaktive Abfälle mit einer Strahlungsintensität von 18 500 Curie versenkt. Mehrere hundertmal so viel, wie 1979 beim Reaktorunfall in Three Mile Island nahe Harrisburg (Pennsylvania) an Strahlung frei wurde.
Am schlimmsten ist es in den Hafenanlagen von Murmansk und der 30 Kilometer seewärts gelegenen Flottenbasis Seweromorsk. Dort dümpeln fast hundert atombetriebene U - Boote aller Klassen. Die meisten können nicht mehr auslaufen, weil die Aggregate verrottet sind.
Nach der Start - II - Abrüstungsvereinbarung sollen bis zum Jahr 2007 knapp zwei Drittel der ursprünglich rund 250 russischen Atom - U - Boote verschrottet werden. Aber ein 10 000 - Tonnen - U - Boot zu zerlegen ist ein Zeitraubendes Geschäft. Die Abwrack - Werft im Murmansk - Fjord schafft kaum die Hälfte der vereinbarten zehn Boote im Jahr, obwohl modernes US - Gerät zur Verfügung steht. Die Demontage entschärft zwar die militärische, aber nicht die atomare Gefahr. Der Rumpf des Schiffs wird auseinander geschnitten und nach Entfernen der Abschussanlage wieder zusammengeschweißt; die Atommeiler bleiben drinnen. Darüber steht nämlich nichts im Start - Vertrag.
Früher ging zwei - , dreimal im Jahr ein Transport mit verbrauchten Brennelementen in die Wiederaufarbeitungsanlage Majak im Ural. Aber Majak ist randvoll. Außerdem fehlen für den 2500 Kilometer langen Bahntransport die Mittel. Selbst wenn Geld da wäre, würde der Abtransport von 200 bis 300 Güterzugladungen Atommüll mindestens zehn Jahre dauern.Deshalb lagern die etwa 45 000 Brennelemente zusammen mit 2000 Kubikmetern flüssigem und 6000 Kubikmetern festem Atomabfall in U - Boot - Wracks und Betonsilos, teilweise auch unter freiem Himmel rings um den Murmansk - Fjord. Als gefährlichste Zeitbombe gilt der Frachter "Lepse". Er ist randvoll mit abgebrannten Brennstäben beladen und zwei Kilometer vom Murmansker Stadtzentrum im zivilen Teil des Hafens vertäut. Damit er nicht absäuft, muss ständig Pressluft in den Frachtraum gepumpt werden.
Wenn es in Murmansk zu einem Atomunfall kommt, drohen schreckliche Folgen. "Wegen der riesigen Mengen an nuklearem Brennstoff, der dort lagert", so heißt es in einem Bellona - Gutachten, "wird eine Kernschmelze in der russischen Arktis viel größere Ausmaße haben als alles, was wir bisher erlebt haben." So sieht es auch der stellvertretende russische Atomminister Nikolai Jegorow: "Die Lage wird jedes Jahr schlimmer. Sie kann in eine Katastrophe münden, die furchtbarer wird als Tschernobyl."

Bittgottesdienst in St.Petersburg - Da hilft nur noch beten -
Jegorows Ministerium hat das Sediment bei Murmansk vom Marinebiologischen Institut untersuchen lassen. Das Ergebnis war alarmierend: deutlich erhöhte Werte von Cäsium 137 und Plutonium 239 im Litsa - Fjord. Dabei ist noch kein einziger der Container durchgerostet oder geborsten. Die Verunreinigungen sickern einstweilen nur aus Haarrissen und kleinen Löchern.
Wenn es an Bord nicht zur Kernschmelze kommt, geht von der "KURSK" keine unmittelbare Gefahr aus. Vorausgesetzt, sie bleibt, wo sie ist. Mit Sorge warnten vor allem die norwegischen Nachbarn der Russen vor einem riskanten Bergungsversuch, der vergangene Woche erwogen wurde: Luftgefüllte Pontons sollen das Heck bis dicht unter die Wasseroberfläche heben. So einseitig unter Spannung gesetzt, würde der von Tausenden Tonnen eingedrungenen Wassers extrem belastete Unterwasser - Gigant unweigerlich auseinander brechen, fürchten Experte. Heute am 22.09.2000 sind - wie das Deutsche Fernsehen mitteilte - Gespräche mit einer Norwegischen Bergungsfirma und den Russen, zur Hebung der "KURSK", gescheitert. Gründe wurden nicht mitgeteilt.
Die Havarie der "KURSK" ist das schlimmste Unglück, das die russische Kriegsmarine bisher getroffen hat. Sie hatte, wie ein Sprecher von Boris Jelzin sagt, aber auch ihr Gutes. "Die spontane Hilfsbereitschaft der Briten und Amerikaner zeigt, dass der Kalte Krieg endgültig vorbei ist."


Störfall unter Wasser : Kühlung ungewiss
Zuerst Wurde der Bug der "KURSK" bis hin zum Turm zerrissen. Dann gingen an Bord die Lichter aus.
Für den Notfall mit einer Abschaltautomatik versehen, stellten die zwei Atomreaktoren des U - Bootes, die das Schiff mit Energie versorgen, warscheinlich schon kurz nach dem Unglück am vorvergangenen Samstag ihren Dienst ein.
In welchem Zustand die jeweils 190 Megawatt starken Druckwasserreaktoren der "KURSK" die Havarie tatsächlich überstanden haben, blieb jedoch bis Ende vergangener Woche ungewiss.
"Die Gefahr eines atomaren Unfalls ist nicht endgültig gebannt", warnt Thomas Nilson von der norwegischen Umweltstiftung Bellona. "Die entscheidende Frage ist ob die Kühlung der Reaktoren noch funktioniert.
Denn selbst nach Abschaltung des Reaktors entwickeln Kernbrennstäbe noch so viel Nachwärme, dass sie sich ungekühlt auf über 2000 Grad erhitzen können und - im schlimmsten Szenario - sogar schmelzen. Die Gefahr im Fall der "KURSK": Flüssiges Kernbrennmaterial könnte sich durch den Reaktormantel und schließlich sogar durch die Außenhaut des U - Bootes brennen.
Im Normalfall soll diese so genannte Kernschmelze bei der "KURSK", die zur modernsten Generation russischer Atom - U - Boote gehört, durch ein Notkühlsystem verhindert werden (siehe Grafik). Nach Ansicht von Experten könnte dieses System jedoch bei dem Unglück zerstört worden sein. Einige Kühlwasserleitungen verliefen direkt unter der Außenhaut des U - Bootes und hätten die starke Explosion möglicherweise nicht überstanden, erläutert Nilsen: "Ist eine Komponente des Systems defekt, fällt die Kühlung komplett aus."
"Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass das Innere des U - Bootes bereits radioaktiv verseucht ist", sagt deshalb Gerhard Schmidt, Nuklearexperte des Öko - Instituts in Darmstadt. Gefahr bestehe auch, wenn geschmolzenes Kernbrennmaterial im U - Boot mit Wasser in Berührung komme, erläutert Schmidt: "Dann kann es zu einer Explosion kommen".
Weil die "KURSK" in über hundert Meter Tiefe unter Wasser liegt, halten die Experten eine Atomare Katastrophe wie in Tschernobyl, bei der sich eine Wolke strahlenden Materials über große Teile Europas ausbreitete, jedoch für ausgeschlossen. "Selbst wenn radioaktives Material aus dem U - Boot nach außen dringt, würde es die Atmosphäre kaum erreichen.", versichert Nuklearexperte Schmidt.
Spaltprodukte wie Caesium und Strontium könnten dann jedoch die reichen Fischgründe der Barentssee atomar verseuchen, die bislang als eines der saubersten Meeresgebiete der Welt gilt.
Norwegische Messungen haben bisher allerdings keine erhöhte Strahlung im Wasser um den Unglücksort ergeben. Mit jedem Tag werde eine Verschärfung der Situation zudem immer unwahrscheinlicher, weil sich die Reaktoren der "KURSK" weiter abkühlten, erläutert Bellona - Experte Nilsen.
"Langfristig muss das U - Boot aber auf jeden Fall gehoben oder in einen Sarkophag eingeschlossen werden", fordert der Umweltschützer: "Ungesichert ist die "KURSK" eine tickende Zeitbombe für die Barentssee."

Dienstag 19. September 2000, 15:21 Uhr
Putin ordnet Bergung der Leichen aus "Kursk" an Moskau (Reuters) - Russlands Präsident Wladimir Putin hat offiziellen Angaben zufolge die Bergung der 118 Leichen aus dem im August havarierten U-Boot "Kursk" angeordnet. Die Bergungsaktion werde im Oktober beginnen, teilte der stellvertretende Ministerpräsident Ilja Klebanow am Dienstag nach einem Treffen mit Putin mit. Klebanow leitet die Regierungskommission, die die Havarie des U-Bootes in der Barentssee untersucht. Putin habe seine Entscheidung bei einem Treffen mit Angehörigen der Mannschaft der "Kursk" bekannt gegeben, sagte Klebanow. Schon kurz nach dem Unglück am 12. August hatte Putin versprochen, die Leichen zu bergen bevor im kommenden Jahr ein Versuch unternommen werden solle, das U-Boot vom Meeresgrund in 108 Metern Tiefe in flachere Gewässer zu ziehen. Experten hatten jedoch erklärt, eine Bergung der Leichen würde ein riskantes und teures Unternehmen sein. Es müssten Löcher in die Außenwand des 154 Meter langen U-Boots geschnitten werden, um Tauchern den Einstieg zu ermöglichen. Im U-Boot müssten die Taucher praktisch blind arbeiten. Sie würden zudem ihr Leben riskieren, wenn ihre Anzüge beim Einstieg durch die kleinen Löcher beschädigt würden. Außerdem könnten die Arbeiten durch Stürme in der Region behindert werden. Klebanow hatte in der vergangenen Woche gesagt, die Explosion, die den Untergang der "Kursk" verursacht hatte, sei so stark gewesen, dass die Leichen möglicherweise stark verstümmelt seien. Daher könne die Bergung auch ein ethisches Problem darstellen. Russland hofft auf eine Beteiligung der auf schwierige Tauchgänge spezialisierten norwegischen Firma Stolt Offshore an der Bergungsaktion. Ein Vertrag kam jedoch noch nicht zu Stande. Russland bereitet nun eigene Taucher auf den Einsatz vor.

Freitag 22. September 2000, 17:39 Uhr
Bergung der «Kursk»-Besatzung auf unbestimmte Zeit verschoben - aus finanziellen Gründen - Moskau (AP)
Die Bergung der 118 toten Matrosen des russischen U-Bootes «Kursk» ist aus finanziellen Gründen auf unbestimmte Zeit verschoben worden. Die am (heutigen) Freitag geplante Unterzeichnung eines Vertrags zwischen der «Kursk»-Baufirma Rubin und dem norwegischen Unternehmen Stolt Offshore wurde abgesagt, wie ein Leiter des russischen Unternehmens mitteilte. Rubin-Direktor Igor Spasski machte im russischen Fernsehen finanzielle Gründe für das Scheitern verantwortlich.
«Unsere ausländischen Partner verlangen Garantien, die schwer zu gewährleisten sind», sagte Spasski. Russische Taucher sollten unmittelbar nach Unterzeichnung des Vertrags in dem Trainingszentrum von Stolt Offshore auf die Bergung der toten Seeleute vorbereitet werden. Das Atom-U-Boot war am 12. August in der Barentssee nach einer heftig Explosion gesunken. Dabei kamen alle Besatzungsmitglieder ums Leben.

Mittwoch 4. Juli 2001, 13:25 Uhr

Bergungsaktion der «Kursk» läuft an

Moskau (dpa) – Die Aktion zur Bergung des im vergangene Jahr verunglückte russischen Atom-U-Boots «Kursk» ist angelaufen. Am Vormittag lief aus dem Nordmeerhafen Murmansk ein Bergungsschiffaus. An Bord befinden sich Ingenieure und Wissenschaftler, die später für eventuelle Ratschläge in Fragen nuklearer Sicherheit zur Verfügung stehen sollen. Außerdem wird an der Unglücksstelle ein U-Boot-Jäger erwartet, der die Bergungsaktion in der Barentssee absichern soll. Die «Kursk» war im August 2000 nach einer Serie von Explosionen mit ihren 118 Besatzungsmitgliedem untergegangen.

Dienstag 17. Juli 2001,18:55 Uhr

Roboter räumen vor Bergung Schlick von der "Kursk"

An Bord der "Klawdia Jelanskaja"
Bergungsmannschaften haben am Dienstag mit Hilfe von Robotern begonnen, Schlick von dem Wrack des gesunkenen russischen Atom-U-Boots "Kursk" zu räumen.Vor dem Einsatz von Tauchern würden die Vorbereitungen zur Hebung des Schiffs so weit wie möglich femgesteuert ausgeführt, sagte der für die Bergung zuständige russische Vize-Admiral Michail Mozak. "Die Taucher können über Video- Kameras arbeiten, und zur Zeit ist kein weiterer Einsatz für sie geplant." Am Donnerstag soll das Bergungsschiff "Mayo" im norwegischen Hafen Kirkenes die Reinigungsausrüstung gegen Schneidwerkzeuge tauschen.
Die Bergung der "Kursk" wird insgesamt vermutlich zwei Monate dauern.Die norwegischen und russischen Mannschaften sollen den stark beschädigten Bug mit den Torpedorohren abtrennen und dann Kabel an der "Kursk" befestigen. Daran soll das U-Boot bis knapp unter die Wasseroberfläche gehoben und dann in den russischen Hafen Murmansk geschleppt werden. Die Arbeiten werden von dem Kriegsschilf "Seweromorsk" aus koordiniert.
Die "Kursk" war im August vergangenen Jahres nach mehreren Explosionen, die vermutlich von Torpedos ausgelöst wurden, gesunken und liegt in mehr als 100 Metern Tiefe auf dem Grund der Barentssee. Alle 118 Besatzumgsmitglieder kamen ums Leben. Bislang wurden jedoch lediglich zwölf Leichen geborgen.
Insgesamt 99 Journalisten ist nun der Zugang zur Unglücksstelle über die Passagierfähre "Klawdia Jelanskaja" ermöglicht worden. Russland will auf diese Weise offenbar demonstrieren, dass es die Medien nicht an der Berichterstattung hindern will. Nach dem Untergang der "Kursk" durften lediglich einige Journalisten des staatlichen Femsehens exklusiv über das Unglück berichten, was für heftige Kritik gesorgt hatte. Ein Pressesprecher des russischen Kriminalamtes sagte, die Regierung sei entschlossen, die Fehler des vergangenen Jahres nicht zu wiederholen. Die Journalisten seien eingeladen worden, die Bergung zu beobachten, damit klar werde, dass Russland nichts zu verbergen habe. Die russische Marine hatte nach dem Unglück eine Reihe von widersprüchlichen Nachrichten verbreitet. So hieß es unter anderem, das U-Boot sei mit einem ausländischen Schiff zusammengestoßen. Die Marine hatte außerdem mitgeteilt, die U-Boot-Mannschaft habe den Untergang überlebt. Später hieß es jedoch, die Besatzung sei bei der Explosion ums Leben gekommen.Präsident Wladimir Putin, dem nach dem Unglück Gleichgültigkeit vorgeworfen wurde, weil er seinen Urlaub nicht unterbrach, hatte die Bergung des U-Boots angeordnet. Umweltschützer haben dagegen gefordert, die "Kursk" in Beton einzugießen, damit keine radioaktiven Stoffe austreten können. Das U-Boot hat nach Angaben der russischen Marine keine Atomwaffen an Bord, wurde jedoch von Atomreaktoren angetrieben.

(Alles über die Bergung der KURSK)

U-Boot-Unglück: Die Todesfahrt der "THRESHER"

BERICHT - GEO MAGAZIN Nr.4/1996 (Seite 1/11) und nur hier veröffentlicht, vorbehaltlich der freundlichen Genehmigung der GEO - Redaktion

Die 4300 Tonnen verdrängende "Thresher" ist das erste U - Boot der Navy mit extremer Stromlinienform.


8 Uhr morgens am Dienstag, dem 9. April 1963. Das Atom-U-Boot gleitet langsam aus dem Hafen der Portsmouth Navy Werft im US-Bundesstaat New Hampshire. Es hat die offizielle Typennumerierung SSN-593 und heißt "Thresher" - nach der amerikanischen Bezeichnung für den besonders aggressiven Tigerhai: ein passender Name für das modernste und gefährlichste Angriffs-U-Boot auf den Weltmeeren.

John.W.Harvey, 35, ist der Kapitän der "Thresher". Als Offizier diente er zuvor auf der "Nautilus" und war bei deren Unterquerung des Nordpol - Eises mit an Bord.
Kommandant ist Lieutenant Commander John Wesley Harvey. Der 35jährige hat 1950 die Elite-Akademie der Navy in Annapolis absolviert - als Achtbester von 696 Kadetten. Vor drei Monaten ist er zum Kommandanten der "Thresher" ernannt worden. Dies ist seine erste Fahrt als Kapitän.
Die von dem Atomreaktor gespeisten Dampfdruckturbinen werden hochgefahren. Der Steuermannsmaat bläst die Bootspfeife. Die achtern an Drähten befestigte Flagge wird eingeholt, dafür eine kleinere am hinteren Ende des Turmes gesetzt. Harvey befiehlt: "Rig ship for diving!"
Im Ernstfall kann das Atom-U-Boot monatelang getaucht durch den Nordatlantik schleichen. Verglichen damit ist das heutige Manöver eine Kaffeefahrt, aber eine sehr wichtige: Zwei Tage lang soll die "Thresher" vor der amerikanischen Ostküste Tauchfahrten machen. Es gilt, das Schiff nach den Wartungsarbeiten auf der Werft gründlich zu testen. Das U-Boot fährt deshalb unbewaffnet. Dafür drängeln sich mehr Männer an Bord als sonst: drei Offiziere der Navy-Werft von Portsmouth, ein Stabsoffizier sowie 17 Zivilisten, darunter Techniker und Ingenieure. Insgesamt 129 Mann. Die "Thresher" ist nicht das erste Atom-U-Boot der USA, aber das erste, das die noch heute gebräuchliche Stromlinienform hat. Sie ist das Leitschiff einer neuen Klasse, von der insgesamt 14 U-Boote gebaut werden. Die Kosten sind geheim, Schätzungen belaufen sich auf 45 bis 55 Millionen Dollar pro U-Boot, nach damaligem Wechselkurs ungefähr 180 Millionen Mark.
Als die "Thresher" am 9. April zunächst aufgetaucht fährt, drückt sie eine weiß schäumende Bugwelle vor sich her und ist vergleichsweise langsam und unbeholfen. Doch unter Wasser ist der 4300 Tonnen verdrängende Koloß beweglicher als ein kleines Flugzeug in der Luft
In der schnörkellosen Sprache der Navy ist die "Thresher" ein "Hunter-Killer-Submarine". Ihre Aufgabe: das Aufspüren und Vernichten feindlicher U-Boote. Herzstück der "Thresher" ist ein S5W2-Atomreaktor, eine verhältnismäßig kleine wassergekühlte Anlage. Sie bringt umgerechnet rund 15000 PS Leistung und speist nicht nur die Antriebsturbinen mit Dampf, sondern versorgt auch die Luft- und Wasseraufbereitung mit Energie. Die "Thresher" kann mit einer einzigen Uranladung theoretisch eine knapp 200000 Kilometer lange Tauchfahrt machen, also fünfmal nonstop um die Erde fahren - bei einer Unterwassergeschwindigkeit von bis zu 55 Kilometern pro Stunde.
Das U-Boot wird von der "Skylark" begleitet, einem kleinen Spezialschiff, das die Testfahrt überwachen sowie das Wassergebiet über der "Thresher" von anderen Schiffen freihalten soll. Die "Skylark", geführt von Lieutenant Commander Stanley Hecker, ist nicht viel mehr als ein kleiner, marinegrau gestrichener Kutter. Sie dient auch als Rettungsschiff, denn bei Routine- und Testfahrten in den tückischen atlantischen Gewässern hat die Navy schon einige U-Boote verloren.
Gegen 12.30 Uhr - die "Thresher" befindet sich etwa 50 Kilometer südöstlich von Portsmouth - erschallt der Befehl "Dive, Dive!" Der Bordingenieur meldet: "Klar zum Tauchen!" Die Bordsirene heult zweimal kurz auf. In der Kommandozentrale sitzen die "Planesmen", die jetzt mit Steuerknüppeln die Tiefenruder langsam und gleichmäßig auf Abwärts stellen.
Fauchend und rumpelnd entweicht die Luft aus den großen Ballasttanks. Das U-Boot wird binnen weniger Augenblicke vom Meer verschluckt. In ungefähr zehn Meter Tiefe checkt die Besatzung alle Systeme. Das Schiff wird vor allem auf Wasserdichtigkeit untersucht, Antrieb und Steuerung werden erneut geprüft. Mehrere Fahrten mit voller Kraft gehören zum Programm. Gegen 21.00 Uhr beendet Kommandant Harvey diese Tests - er ist mit der "Thresher" rundum zufrieden. Atom-U-Boot und Begleitschiff gehen erneut auf Kurs Südost. Ihr Ziel: Der Rand des Kontinentalsockels - dort, wo der Meeresboden bis auf 2500 Meter abfällt, so daß die "Thresher" in ihre Extremtiefe - 330 Meter - vorstoßen kann.
Am nächsten Tag, Mittwoch, dem 10. April, gibt die "Skylark" um 7.45 Uhr ihre Position mit 41 Grad, 46 Minuten Nord, 65 Grad, 3 Minuten West durch. Die "Thresher" befindet sich gut 3100 Meter weiter südöstlich, ungefähr 350 Kilometer vor Portsmouth. Die See ist ruhig, mit leichtem Nordwind; die Sicht beträgt 16 Kilometer.
Um 7.47 Uhr beginnt die "Thresher" mit dem Abstieg auf die maximale Tauchtiefe. Kommandant Harvey meldet dem Begleitschiff, daß er sechs Stunden unter Wasser bleiben möchte. Die "Skylark" hält per Unterwasser-Telefon Kontakt.
Das U-Boot gleitet mit dem Neigungswinkel eines landenden Zeppelins langsam in die Tiefe. Bei dieser Testfahrt geht es - anders als etwa beim Alarmtauchen - nicht nonstop hinunter, sondern in vorsichtigen Schritten, zunächst auf 200 Fuß, etwa 65 Meter. Ein kurzer Check, dann noch tiefer. Alle 100 Fuß fängt Harvey das U-Boot ab, bringt es in die Horizontale. Mit jedem Meter Wassertiefe nimmt der Druck zu - in 300 Meter Tiefe würden 300 Tonnen auf jeden Quadratmeter des Stahlrumpfes pressen.

Am 9. Juli 1960, zweieinhalb Jahre vor seiner fatalen Tauchfahrt, wird die "Thresher" mit der internen Bezeichnung SSN 593 (Submarine S Nuclear 593) getauft.
Kein U-Boot ist vollständig dicht. Winzige Lecks treten auf, vor allem an den Buchsen, an Ventilen, Torpedorohren und Luken - überall dort, wo die glatte Außenhaut durchbrochen wird. Meist werden nur wenige Tropfen hereingepreßt - das U-Boot "weint".
Als eine Tiefe von 300 Fuß, gut 90 Meter, erreicht ist, sammelt Harvey die Schadensmeldungen. Er entscheidet, daß keine davon bedrohlich ist und läßt die "Thresher" weiter abtauchen. Die Männer merken, daß sie große Tiefen erreichen: Der Stahl beginnt zu knacken.
Um 7.52 Uhr meldet sich die "Thresher" und gibt ihre Tauchtiefe mit 400 Fuß (122 Meter) an. Es gebe keine Schwierigkeiten, die eigentlichen Tieftauchversuche könnten beginnen. Um 8.00 Uhr teilt die "Thresher" ihren derzeitigen Kurs mit. "Skylark" meldet "verstanden" und gibt seinerseits die eigene Position bekannt. An Bord des Begleitschiffes verzichtet Kapitän Hecker allerdings darauf, den Kurs des Atom-U-Bootes in die Seekarte einzutragen.
Um 8.09 Uhr meldet die "Thresher", daß sie die Hälfte ihrer maximalen Tauchtiefe erreicht habe. In der nächsten knappen halben Stunde unterzieht Harvey sein Schiff einer umfangreichen Prüfung. Um 8.35 Uhr informiert die "Thresher", daß sie nunmehr den Abstieg zur maximalen Tauchtiefe beginne.
Weitere Routinemeldungen folgen, allerdings wird die Verbindung immer schlechter. Um 9.02 Uhr bittet die "Skylark" um eine aktuelle Kursangabe - eine Frage, die beim Atom-U-Boot nur verstümmelt ankommt, denn dort antwortet man: "Bitte wiederholen." Um 9.09 Uhr erreicht die "Thresher" ihre maximale Testtauchtiefe von etwa 330 Metern. Eine Minute später sendet sie eine Kursänderung. Bis zu diesem Zeitpunkt gibt es von seiten der "Thresher" nicht das geringste Anzeichen dafür, daß irgend etwas schief läuft.
Um 9.13 Uhr erreicht eine rätselhafte Nachricht die "Skylark": "Experiencing minor difficulties. Have positive up angle. Am attempting to blow. Will keep you informed."
Was sind die "minor difficulties", die "geringfügigen Schwierigkeiten"? "Positive up angle" bedeutet, daß Kommandant Harvey die Tiefenruder angestellt hat, also in höhere Wasserschichten aufsteigen will. Der nächste Satz ist alarmierend: "Versuche anzublasen." Harvey will offensichtlich Preßluft in die Tanks der "Thresher" pumpen, ohne daß er das Atom-U-Boot zuvor in Tiefen mit weniger starkem Wasserdruck hochgesteuert hat. Das ist eine Verzweiflungsmaßnahme - die ihm nicht gelingt, sonst hätte er nicht "versuche" gemeldet, sondern "habe angeblasen."
Auf der "Skylark" hat bis jetzt Lieutenant James D. Watson das Unterwasser-Telefon bedient. Als jene Meldung eintrifft, drängt sich Kapitän Hecker an das Mikrofon und ruft viermal hintereinander: "Are you in control?" Keine Antwort.
Die Männer im Funkraum haben den Eindruck, Preßluftgeräusche zu hören. Um 9.16 Uhr empfangen sie eine verstümmelte Nachricht. Sie glauben, die Worte "test depth" - Testtauchtiefe - verstanden zu haben; Watson meint zudem, daß voraufgegangene Wort sei "exceeding" gewesen... "überschreiten".
Um 9.17 Uhr kommt eine letzte Meldung durch, praktisch unverständlich. "Nine Hundred North" glauben die Männer herauszuhören - eine Positionsangabe. Danach ist die "Thresher" stumm.
Um 9.18 Uhr empfängt Lieutenant Watson Geräusche. Später wird er aussagen, daß sie sich anhörten, als bräche ein Schiff auseinander. Doch andererseits ist die Verbindung in den letzten 20 Minuten schlecht gewesen. Die zuletzt empfangenen rätselhaften Meldungen bedeuten vielleicht nur, daß der Unterwasser-Telefon-Verkehr gestört ist. Kapitän Hecker läßt ab 9.20 Uhr jede Minute eine Meldung in die Tiefe senden.
Die "Skylark" dümpelt auf der rauher werdenden See, Wolken verhängen jetzt den Himmel. Kein Sprechkontakt, keine Sonar-Ortung von der "Thresher", nichts, das an die Wasseroberfläche käme.

Über Wasser wirkt die "Thresher" eher behäbig. Untergetaucht indes ist das U - Boot zu so schnellen Manövern fähig wie kein anderes in jener Zeit.
Um 9.40 Uhr fragt Lieutenant Watson, ob man nicht besser das Verschwinden der "Thresher" der Navy melden solle, doch Kapitän Hecker hält das für "zu früh". Um 10.40 Uhr läßt Hecker in zehnminütigen Abständen Handgranaten über Bord werfen. Der Explosionslärm dringt bis in die Tiefsee - eine Aufforderung an die "Thresher", sofort und unter allen Bedingungen aufzutauchen. Nichts geschieht.
Um 10.45 Uhr entschließt sich Hecker zu einem Funkspruch an die Marinebasis in New London, den Heimathafen der "Thresher". Es ist diese Meldung mit der Nummer 101604 Z , mit der die Navy erstmals von ihrer größten Katastrophe in Friedenszeiten unterrichtet wird. Hecker meldet, daß sich das Atom-U-Boot wahrscheinlich seiner Testtauchtiefe "genähert" und er seit 9.17 Uhr keinen Kontakt mehr habe.
Der Oberkommandierende der im Atlantik stationierten U-Boote hält sich zu dieser Zeit in Annapolis auf. Er erfährt vom mysteriösen Verschwinden der "Thresher" erst, als er zu seinem Hauptquartier in Norfolk, Virginia, zurückkehrt. Da ist es bereits 14.35 Uhr. Jetzt erst machen sich Flugzeuge und das Schiff "Recovery" auf den Weg, um der "Skylark" bei der Suche zu helfen.
Die "Seawolf", eines der beiden an der Suche beteiligten Atom-U-Boote, fängt rätselhafte elektronische Strahlungen und Unterwassergeräusche auf, die, wie es im Untersuchungsbericht später heißt, "nichts ähnelten, das von menschlichen Wesen hätte erzeugt werden können".
Deutlicher ist eine Spur, die von der "Recovery" gegen 17.30 Uhr entdeckt wird: ein Ölfilm ungefähr sieben Meilen südlich der Position, die das Begleitschiff "Skylark" um 9.17 Uhr innehatte. Außerdem werden einige kartongroße Stücke aus Kork und Plastik aus den Wellen gefischt. Mit Kork ist das Innere des Rumpfes der "Thresher" ausgekleidet, als Isolationsschicht gegen die Kälte der See. Ein Polyethylen-Fetzen sieht aus wie ein Teil einer Kunststoffplatte, wie sie auf amerikanischen Atom-U-Booten als Schutzschilde gegen Radioaktivität montiert werden.
Man entschließt sich, die Angehörigen der "Thresher"-Besatzung zu informieren. Sieben Offiziere, die meisten Kapitäne anderer U-Boote, versammeln sich in Portsmouth und rufen die Familien an. Ihre Nachricht ist kurz: "Die USS ,Thresher" ist überfällig. Wir sind dabei, dies zu untersuchen, und werden Sie informieren, wenn wir Informationen haben." Einige Frauen fahren zur Werft hinaus. Dort werden sie von Navy-Geistlichen betreut. Journalisten eilen nach Portsmouth, fotografieren weinende Frauen und machen sich auf die Suche nach besonders tragischen Schicksalen - wie beispielsweise dem des Maschinisten Donald J. McCord, der nach der Testfahrt der "Thresher" auf ein anderes U-Boot hatte versetzt werden sollen.
Die "Thresher" hat vor Beginn der Testfahrt den ausdrücklichen Befehl bekommen, sich unter allen Umständen am 10. April um 21.00 Uhr zu melden. Als sie auch da stumm bleibt, ist die letzte schwache Hoffnung auf ein glückliches Ende dahin. Gegen 23.30 Uhr ändern die sieben Unglücksboten ihre telefonische Nachricht: "Wir haben nichts mehr von der "Thresher" gehört. Wir haben sehr wenig Hoffnung, daß es Überlebende geben könnte. Offiziell Bekanntmachungen werden vielleicht später aus Washington kommen."
Am frühen Morgen des 11. April finden die Suchschiffe einen weiteren Ölfilm und andere Gegenstände, darunter einen orangefarbenen und einen gelben Gummihandschuh - Handschuhe, wie sie die Männer in der Reaktorabteilung der "Thresher" benutzten.

Vier Suchschiffe der US - Flotte kreisen an jener Position im Atlantik, an der die "Thresher" vermutlich untergegangen ist.
Die 129 Männer werden von der Navy nicht mehr als "vermißt" geführt, sondern für tot erklärt - was den Hinterbliebenen zumindest sofortige Versorgungsansprüche sichert. Präsident Kennedy drückt in einer Botschaft sein Mitgefühl aus. Am Freitag, dem 12. April, wird auf der Portsmouth Navy Yard in einer kurzen Zeremonie die Flagge auf Halbmast gesenkt. Die Werft, sonst ein hektischer Ort, wird für wenige Minuten totenstill. Die Soldaten stehen stramm, die zivilen Arbeiter haben ihre Schutzhelme abgenommen.
Noch am 11. April setzt die Navy einen Untersuchungsausschuß ein. Dessen Aufgabe: möglichst schnell herauszufinden, weshalb das Atom-U-Boot gesunken ist. Sie haben dazu alle Vollmachten. So können sie etwa Besatzungsmitglieder der "Skylark" oder Techniker der Werft als Zeugen befragen, Logbücher einsehen und die streng geheimen Konstruktionspläne studieren.
Die Männer um Konteradmiral Austin brauchen nur wenige Stunden, um das Problem einzugrenzen. Ein Fremdverschulden - feindlicher Angriff, Unfall mit einem anderen Schiff, Sabotage - ist rasch auszuschließen. Menschliches Versagen ist möglich, aber sehr unwahrscheinlich. Stattdessen entdecken die Fachleute andere haarsträubende Fehler in solcher Menge, dass sie ausgereicht hätte, eine ganze Flotte auf Grund zu schicken.
Die "Thresher" war am 15. Januar 1958 von der Navy bei der Werft in Portsmouth geordert und am 3. August 1961 offiziell von ihr übernommen worden. Jedes neue Schiff muß Testfahrten absolvieren, doch da es sich bei diesem Atom-U-Boot um einen völlig neuen Schiffstyp handelte, war die Erprobung besonders lang und gründlich. Von Sommer 1961 bis Sommer 1962 unternahm die "Thresher" längere Fahrten im Atlantik - und zwar wiederholt auch solche, die sie bis auf ihre maximale Testtauchtiefe hinabführten. Zum Abschluß tauchte sie der Küste von Key West in Florida, während andere Marineschiffe Wasserbomben warfen. Diese waren so eingestellt, daß sie das Boot nicht versenkten, wohl aber gehörig durchschüttelten. Danach lief die "Thresher" die Navy-Werft in Portsmouth an, wo sie am 11. Juli 1962 eintraf. Aufgabe der Werft: das komplizierte Unterwassergefährt auf alle aufgetretenen Schwachstellen hin zu untersuchen und diese zu beseitigen.
Am 16. Juli begannen die Arbeiten, die auf sechs Monate angesetzt waren. Tatsächlich wurden es neun, weil immer neue Defekte entdeckt wurden: mangelhafte Dichtungen, Verbindungsstücke und Ventile im Rohrleitungssystem. Dabei wurde, wie die Untersuchungskommission später aufdeckt, ungeheuerlich geschlampt. Das ging so weit, daß wichtige Bauteile verkehrt herum installiert worden waren. Bei einem Test stellte die Besatzung der "Thresher" fest, daß ihr Periskop hochfuhr, wenn der Schalter auf "Runterfahren" stand.

Marine - Taucher bereiten einen neuen Versuch vor, die genaue Lage der spurlos verschwundenen "Thresher" auf dem Meeresboden zu bestimmen.
Als die "Thresher" am 9. April 1963 ausläuft, glauben ihr Kommandant und die Verantwortlichen der Werft, daß alle Fehler eliminiert worden sind. Ein tödlicher Irrtum? Im übrigen ist es nicht einfach, den korrekten Einbau aller Einzelteile nachzuprüfen. Denn für Amerikas modernstes Atom-U-Boot gab es nicht einmal das, was jedem gewöhnlichen Staubsauger beiliegt: ein aktuelles ausführliches Handbuch. Zwar gehört zu jedem Schiff der Navy ein "Ship Information Book" (S. I. B.), eine Art Bedienungsanleitung. Die Werft in Portsmouth aber hatte, als sie die "Thresher" baute, das Zusammenstellen des S. I.B. einer zivilen Firma übertragen. Und die sparte sich eine Menge Arbeit, indem sie einfach das S. I. B. einer älteren Klasse von Atom-U-Booten kopierte - mit ganz anderen technischen Merkmalen.
Schließlich fand der Untersuchungsausschuß heraus, daß in Portsmouth zwei lebenswichtige Systeme der "Thresher" nicht unter den erforderlichen extrem sauberen Umständen zusammengebautworden sind: Preßluft und Wasser sind durch lange Rohrleitungen geführt worden. Diese mußten so sauber wie möglich sein, denn schon kleinste Schmutzpartikel können empfindliche Ventile blockieren. Doch auf der Navy-Werft gab es keinen einzigen Raum, in dem man wirklich hätte staubfrei arbeiten können. Es ist zwar nicht sehr wahrscheinlich, aber dennoch möglich, daß die Faser eines Putzlappens oder ein Krümel das 85 Meter lange Boot versenkt hat.
Doch diese Schlampereien während der Wartungsarbeiten sind noch relativ harmlos verglichen mit den konstruktionsbedingten Schwachpunkten. Zwar waren die Instrumente und elektrischen Bauteile der "Thresher" gegen Wasser geschützt - viele allerdings nur, wenn es von oben kam. In einem U-Boot kann Wasser aber von allen Seiten eindringen. In 300 Meter Tiefe drückt es mit der Gewalt eines Geschosses durch Lecks und zerstört alles, was nicht besonders gepanzert ist. Außerdem reicht ein daumennagelgroßes Loch, um eine wohnzimmergroße Abteilung im Rumpf innerhalb von fünf Sekunden zu fluten.
Selbst ein viel kleineres Leck, das nur "weint" oder einen Sprühnebel hineinläßt, könnte die empfindliche Elektronik der "Thresher" überraschend lahmgelegt haben. Zudem sind viele wichtige Bedienungsinstrumente zwar doppelt vorhanden, aber nahe beieinander angeordnet. Ein plötzliches Unglück könnte so auf einen Schlag wichtige Komponenten und gleichzeitig deren Ersatzsysteme zerstört haben.
Kapitän Harveys desperate Meldung "versuche anzublasen" bringt den Untersuchungsausschuß auf eine weitere Spur: Das Preßluftsystem der "Thresher" war unzureichend. Das Atom-U-Boot war nicht nur im normalen Einsatz, sondern auch im Notfall dazu gezwungen, aus großen Tiefen zuerst mit Hilfe der Tiefenruder in höhere Wasserschichten aufzusteigen, ehe Preßluft in die Tanks gepumpt werden konnte.
Den erheblichsten Schwachpunkt entdeckt der Ausschuß aber an anderer Stelle: In konventionellen, mit Diesel- und Elektromotoren angetriebenen U-Booten wird deutlich zwischen "draußen" und "drinnen" unterschieden. "Draußen", das ist das umgebende Meer mit seinem ungeheuren Wasserdruck, "drinnen" ist das U-Boot mit fast allen seinen Komponenten. Im "Drinnen" von Atom-U-Booten, also innerhalb des Rumpfes, befindet sich aber ein viele hundert Meter langes Rohrsystem, in dem der gleiche gefährliche Wasserdruck herrscht wie außerhalb des Bootes. Gibt es in diesen Rohren ein Leck, das sich nicht sofort stopfen läßt, geht das U-Boot genausoschnell unter, als wäre der Rumpf selbst beschädigt.
Der Atomreaktor an Bord ist direkt und zugleich indirekt die Ursache für dieses komplizierte und risikoreiche System. Direkt, weil er mit Seewasser gekühlt wird - ähnlich konventionellen Kernkraftwerken, die ihr Kühlwasser aus Flüssen beziehen. Indirekt bedingt der Reaktor weitere Rohrleitungen, weil Meerwasser entsalzt oder in Wasser- und Sauerstoff gespalten werden muß: Denn zwar kann ein Reaktor monatelang unter Wasser arbeiten, ohne - außer seiner Uranladung - größere Ressourcen zu verbrauchen, nicht aber der Mensch. Atom-U-Boote müssen deshalb aus dem Meerwasser Sauerstoff und Süßwasser für die Besatzung gewinnen.
Bei diesen Rohrsystemen gibt es zahlreiche Knie- und Verbindungsstücke und Ventile. Vielfach werden die einzelnen Teile zusammengeschweißt. Wenn diese Arbeit mit der nötigen Sorgfalt erledigt wird, gelten die Schweißstellen als sehr dauerhaft. Außerdem sind sie, etwa mit Röntgengeräten, verhältnismäßig einfach auf Schwachstellen zu untersuchen.
Doch an vielen Stellen wurden die Rohrleitungen der "Thresher" gelötet und nicht geschweißt - weil sie nur schwer zugänglich waren. Beim Löten aber werden zwei Teile aus demselben Metall anders als beim Schweißen durch ein weiteres Metall miteinander verbunden. Lötstellen gelten deshalb als weniger belastbar und schwerer zu überprüfen.
Wenn im Rohrsystem in großen Tiefen ein Leck entsteht, hat das für ein Atom-U-Boot fatale Konsequenzen. Es treten nicht nur ungeheure Mengen Wasser ins Boot, es erfolgt auch eine automatische Notabschaltung des Reaktors, damit es nicht wegen der defekten Rohrverbindung zur Überhitzung und damit zur Kernschmelze kommt. Das heißt: In eben jenem Augenblick, in dem ein Atom-U-Boot alles, was es an Energie hat, braucht - um Wasser hinauszupumpen, Schotts zu schließen, Tiefenruder zu steuern, Fahrt aufzunehmen -, bricht die Energieversorgung zusammen. Die tödliche Falle schnappt zu.

Nach Monaten vergeblicher Suche kommt die "Trieste" zum Einsatz. Das Mini - U - Boot hatte vor den Philippinen den bis heute gültigen Tieftauchrekord aufgestellt: 10 916 Meter.
Am 20. Juni 1963 gibt der Untersuchungsausschuß einen kurzen Bericht an die Öffentlichkeit. Natürlich kann niemand wissen, was genau an Bord der "Thresher" passiert ist, doch aufgrund der herausgefundenen Fakten, hält der Ausschuß diese Version für die wahrscheinlichste:
Die "Thresher" befindet sich am Morgen des 10. April in maximaler Testtauchtiefe, also mindestens 330 Meter unterhalb der Wasseroberfläche. Sie gleitet mit rund 15 Kilometern pro Stunde dahin und vollführt soeben eine Kursänderung - das Seitenruder auf 20 Grad rechts, das Tiefenruder auf 5 Grad abwärts eingestellt.
Um 9.11 Uhr endet das Anblasen abrupt. Entweder, weil es in ungenügend gesicherten elektrischen Teilen durch Wasser zum Kurzschluß kommt und damit das Preßluftsystem vorübergehend lahmgelegt wird, oder weil Vereisungen aufgetreten sind. Um 9.12 Uhr 30 Sekunden schaltet sich der Reaktor ab - weil der Kühlkreislauf unterbrochen ist oder wegen eines Kurzschlusses. Der elektrische Notantrieb, der in solchen Fällen einspringen soll, braucht schon bei einem unbeschädigten U-Boot 10 bis 50 Sekunden, bis er aktiviert ist. Mindestens so lange fällt der Antrieb aus, die Geschwindigkeit des Schiffes vermindert sich stark - "stalling speed" tritt ein; das U-Boot droht unkontrollierbar zu sinken.
Um 9.13 Uhr sendet die "Thresher" ihre letzte klare Meldung nach oben: "Experiencing minor difficulties." Gleichzeitig versucht die Crew noch einmal verzweifelt, die Ballasttanks anzublasen. 30 Sekunden später hören die Preßluftgeräusche wieder auf. Alle lebenswichtigen Systeme der "Thresher" sind erloschen.
Im Bericht heißt es lapidar: "Collapse at 0918.1R." - Implosion der "Thresher" um 9.18 Uhr 6 Sekunden.
Als der Untersuchungsausschuß seinen grausigen Befund wenigen ausgewählten Militärs und Politikern in nüchterner Sprache vorstellt, ist das Wrack der "Thresher" immer noch nicht gefunden. Die Navy hat zwar eine beispiellose Suchaktion gestartet, doch sie ist auf ein solches Unternehmen technisch kaum vorbereitet und muß improvisieren. Zum Beispiel kann sie mit Hilfe von Sonaranlagen zwar ein Höhenprofil des Meeresbodens am Unglücksort erstellen und entdeckt dabei ein halbes Dutzend ungewöhnlicher Erhebungen. Doch jede von ihnen könnte der Rumpf der "Thresher" sein - vorausgesetzt, daß dieser nicht vom ungeheuren Wasserdruck während des Niedersinkens zerrissen worden ist.
Andere Suchschiffe senken an Kabeln automatische Kameras in die Tiefe, die etwa zehn Meter über dem Meeresboden Bilder schießen - und zwar "blind", denn sie sind vom Schiff aus nicht zu bedienen. Außerdem reißen Unterwasserströmungen die Kameras hin und her. Die Kamera muß wieder hochgezogen, der Film entwickelt werden. Eine Unmenge von Bildern zeigt denn auch nur den schlammigen Meeresboden.
Doch auf einigen sind kleine Trümmerstücke zu erkennen: perforierte Metallreste, ein Handlauf, wie er auf Schiffen als Geländer verwendet wird, Stoff- und Papierfetzen, eine Preßluftflasche, deren fast vier Meter langer Stahlzylinder sich gut eineinhalb Meter tief in den harten Schlamm des Meeresbodens gegraben hat. Die schwere Flasche muß, vermuten die an der Suche beteiligten Spezialisten, aus der auseinanderbrechenden "Thresher" gefallen und dann fast zwei Kilometer niedergegangen sein. Die Experten halten eine Sinkgeschwindigkeit von 160 Stundenkilometern für wahrscheinlich - wenn es denn überhaupt eine der zwei Tonnen schweren Preßluftflaschen aus der "Thresher" ist.

Tüten mit Dichtungsringen zählen zu den wenigen Objekten, die Such - U - Boote vom 2500 Meter tief gelegenen Meeresboden aufsammeln. Lange bleibt fraglich, ob sie zur "Thresher" gehörten.
Mehr Klarheit bringt erst die "Trieste", ein kleines Forschungs-U-Boot, das 1960 im Marianengraben vor den Philippinen 10916 Meter zur tiefsten Stelle der Ozeane hinabgetaucht ist. Es ist das einzige Unterwasserfahrzeug der Navy, das bis zur vermuteten Ruhestätte der "Thresher" gelangen kann. Die "Trieste" schwebt mit Fußgängergeschwindigkeit drei bis sieben Meter über dem gewellten Meeresboden. Ihre Suchscheinwerfer - die einzige Lichtquelle in dieser Tiefe - werfen nur dünne Lichtkegel in die Schwärze. Die zuerst zwei, später drei Männer der Besatzung blicken durch eine Plexiglasscheibe, die gut 30 Zentimeter dick und deren Durchmesser kaum größer ist als eine Herdplatte.
Zwei Tauchgänge ergeben nicht das geringste. Am 27. Juni 1963 sinken Donald L. Keach und Kenneth V. Mackenzie zum drittenmal auf den Meeresboden. Nach dreistündiger Suche fürchten sie schon, daß auch dieser Einsatz vergeblich sei. Die Kraft der Bordbatterien läßt nach, das Licht der Suchscheinwerfer wird schwächer. Keach meldet per Funk dem oben wartenden Begleitschiff, daß er auftauchen wolle. Doch noch bevor von dort die Antwort kommt, sieht er einen gelben Flecken auf dem Meeresgrund.
Doch Keach funkt nach oben, daß er jetzt noch weitere 15 Minuten bleiben will, bringt die "Trieste" vorsichtig an die ominöse Stelle heran - und entdeckt einen Gummiüberschuh, wie er auf Atom-U-Booten im Reaktorbereich getragen wird. Er kann sein Boot bis auf einen Meter heranmanövrieren. Doch er hat bei diesem Tauchgang keine Ausrüstung dabei, mit der man einen Gegenstand im Meer bewegen oder gar aufnehmen kann. Es ist ihm nur möglich, einige Fotos aufzunehmen. Der Überschuh liegt halb zusammengefaltet auf dem Meeresgrund, nur ein Teil der auf der Sohle aufgedruckten Inschrift ist zu erkennen. "Sieh dir das an", ruft Keach, "S... S... N..." - "5", ergänzt Mackenzie. Die anderen Ziffern sind nicht zu erkennen. "SSN-593" ist die Typennumerierung der "Thresher".
Am 28. August 1963 steuert Keach die "Trieste" schließlich mitten in ein unterseeisches Trümmerfeld. Verbogene Metall- und Kunststoffteile unterschiedlicher Größen machen die Suchegefährlich - Keach muß aufpassen, nicht irgendwo hängenzubleiben oder sein Tauchboot zu beschädigen. Seltsame Fische und andere Tiefseetiere haben sich bereits eingenistet; rote Flecken weisen darauf hin, daß manche Teile Rost angesetzt haben.
Diesmal ist die "Trieste" mit einem Greifarm ausgestattet. Mit dem gelingt es, ein ungefähr eineinhalb Meter langes, grotesk zerquetschtes Kupferrohr, noch verbunden mit einem Beschlag und Fetzen von grobem Stoff, aufzunehmen und nach oben zu bringen. Auf diesem Rohrstück steht "593 Boat": die Typenbezeichnung der "Thresher" - so, wie sie in viele ihrer Einzelteile eingestanzt worden ist. Am 6. September 1963 verkündet der Marineminister das Ende der Suche.
Der Atomreaktor liegt noch heute unentdeckt auf dem Meeresboden. Die "Trieste" hat keine Spur von ihm gefunden. Schon bei der ersten Suchaktion am 11. April 1963 hat die Navy die Radioaktivität im Wasser gemessen. Die Werte waren normal. Hohe Offiziere beeilten sich zu versichern, daß vom Reaktor keine Gefahr ausgehen könne. Das Tiefseewasser kühle den Reaktorkern und verhindere so eine Kernschmelze, der strahlende Teil befinde sich in einem extrem widerstandsfähigen und rostfreien Behälter.
Die Navy untersucht seither alle paar Jahre die Gewässer 350 Kilometer vor Boston auf Radioaktivität. Dabei wurden keine ungewöhnlichen Werte festgestellt. Aber wer weiß schon, ob das für immer so bleiben wird?

Serjoschas letzter Brief von der Kursk :

Die britische Zeitung "The Guardian" veröffentlichte am Montag den letzten Brief des Wehrpflichtigen Sergei Witschenko (20) von Bord der "Kursk" an seine Eltern. Diesem Schreiben auf vier linierten Seiten eines Schulheftes war ein Brief des Kommandanten an die Eltern beigefügt.

Liebe Mutter und Vater Thomas,

ich habe all Eure Briefe bekommen. Es tut mir leid, dass ich so lange nicht geschrieben habe und so spät antworte. Wir waren auf See und jetzt sind wir im Hafen und laden Raketen. Wenn das beendet ist, werden wir wieder auf See sein und wir werden zur Parade nach Severomorsk zurückkehren. Morgen werde ich versuchen, diesen Brief abzuschicken.

Mir geht es gut. Sie haben mich zu guter Letzt doch in der Messe aufgenommen und ich arbeite als Koch und muss nicht im Laderaum arbeiten.Ich habe mich gerade beeilt, das Mittagessen zu bereiten und habe jetzt eine Stunde mehr Freizeit. Die Köche sind eine privilegierte Klasse auf dem Schiff: Wir dürfen uns jeden Tag waschen und dürfen zwölf Stunden in der Nacht schlafen.

Sagt mir, was im Brief des Kommandanten steht. Was hat er Euch geschrieben? Ich bin neugierig. Herzliche Glückwünsche zum Führerschein.Kannst Du jetzt wirklich Auto fahren? Ehrlich, Mama: Ich kann Dich mir nicht als Fahrerin vorstellen. Ich kann es gar nicht erwarten, Dich auf einem Foto hinter dem Lenkrad zu sehen.

Ich habe jetzt mein U-Boot-Zeugnis bekommen. Wir waren 100 Meter tief, aber das ist nicht das tiefste, was unser Boot schafft. Sogar 480 Meter sind kein Problem. Später werde ich versuchen, Dir dieses Zeugnis zu schicken, damit Du es als Erinnerung aufheben kannst.

Wir haben unsere U-Boot-Taufe gehabt. Wir wurden in die Kommandostation gerufen, wo jeder eine Tasse Meerwasser getrunken und einen eingeschmierten Hammer geküsst hat. Dann haben wir das Papier bekommen und der Kommandant hat jedem die Hand geschüttelt. Aber nachdem wir das Meerwasser getrunken hatten, hat sich jeder von uns etwas schlecht gefühlt.

Wenn ich wieder zurück bin von See werde ich ein paar Fotos mitbringen und dann kannst Du sehen, wo ich meinen Dienst geleistet habe. Naja, vermutlich habe ich Euch jetzt schon mit diesem Brief gelangweilt. Also werde ich Schluss machen.

Auf Wiedersehen, Ich liebe Euch. Ihr fehlt mir. Schreibt mir. Serjoscha (Koch)"

Diesem Brief war ein Schreiben des Kapitäns der „Kursk", Gennadi Ljatschin, beigefügt:

„Liebe Valentina Avelene, die Schiffsführung informiert Sie, dass ihr Sohn, Matrose Witschenko Sergej Alexandrowitsch, derzeit in der russischen Marine auf dem Atom-U-Boot Kursk dient, einem der modernsten und schlagkräftigsten Schiffe Russlands und der gesamten Welt. Ihr Sohn hat begonnen, sich in seiner Aufgabe mit Interesse und Engagement zurecht zu finden. Die Mannschaft gibt ihm jede Hilfe, die nötig ist. Die Schiffsführung ist sicher, dass er rasch alle Pflichten beherrschen wird.

Ich bin sicher, dass Ihr Sohn während seines ganzen Lebens das geachtete Abzeichen eines russischen U-Boot-Fahrers mit Stolz, Würde und Ehre tragen wird. Die Schiffsführung versichert Ihnen, dass sie alles in ihrer Kraft stehende tut, damit die Dienstzeit Ihres Sohnes in den Streitkräften so glatt wie möglich vorübergeht.

Mit freundlichen Grüßen, Kapitän G. Ljatschin." ******************************************** © "The Guardian" vom 21.08.2000 ********************************************

Die Katastrophe der "KURSK" Teil 1

Segelschiffe Kurs Hamburg ;Sailing Ships Bound for Hamburg.

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