Alle auf dieser Seite dargestellten Bilder und Beiträge stammen aus dem deutschen Wehrmagazin "LOYAL" Nr.1 Januar 2003 und sind hier von mir wiedergegeben unter Vorbehalt der freundlichen Genehmigung der LOYAL Redaktion.

Viele Fragen nach

CH - 53 - Absturz

(Sikorsky CH - 53)

Grafik: Rainer Czarnetzki

Das bislang schwerste Unglück bei Auslandseinsätzen der Bundeswehr hat vier Tage vor Weihnachten sieben Soldaten das Leben gekostet. Beim Absturz eines Transporthubschraubers vom Typ CH-53 in Kabul starben alle Besatzungsmitglieder, Männer im Alter zwischen 24 und 53 Jahren. Die Maschine befand sich auf einem routinemäßigen Erkundungsflug.
Die Leichname der Stammbesatzung (Pilot, Kopilot, Bordmechaniker, Lademeister) aus Laupheim, des Flugbeobachters und der zwei Bordschützen aus Mendig bzw. Faßberg wurden Ende Dezember nach Deutschland überführt.
Gesicherte Erkenntnisse über die Ursache des Unglücks werden nach Aussage des Verteidigungsministeriums erst im Frühjahr nach Abschluss der Untersuchungen durch die zuständige Dienststelle "General Flugsicherheit" vorliegen.
Vieles sprach am Anfang dafür, dass das Hauptgetriebe der 1972 in Dienst gestellten CH-53 blockiert wurde. Doch auch ein Beschuss der Maschine muss nach neuesten Erkenntnissen der Untersuchungsbehörden wieder in Erwägung gezogen werden. Der Lastenhubschrauber wird vom Heer seit 30 Jahren genutzt. Seitdem waren bei drei Abstürzen Menschenleben zu beklagen. Wegen ihrer Zuverlässigkeit und weil Geld für die Beschaffung neuer mittelschwerer Transporthubschrauber nicht verfügbar ist, soll die CH-53 nach bisherigen Planungen weitere 33 Jahre in Dienst gehalten werden. Das würde be- deuten, dass Verschleißteile wie Rotor, Motor und Getriebe wie bisher und noch mehr ständiger Beobachtung unterliegen und in regelmäßigen Abständen erneuert werden müssten.
Bereits heute ist der Wartungsaufwand immens. Nach 40 Flugstunden werden die Maschine und ihre lebenswichtigen Teile überprüft. Nach 200 Flugstunden erfolgt eine Generalwartung. Unter den schwierigen Flugbedingungen (Sand, Staub) in Afghanistan, verbunden mit der Extrembelastung der Turbinen in 1800 Meter Höhe, sind die Überprüfungsintervalle noch kürzer. In einem Bericht wies indes der damalige General der Heeresflieger, Fritz Garben, 1996 daraufhin, dass sich die Zahl der Störfälle mit CH-53 pro tausend Flugstunden von 1984 bis 1994 von 700 auf 1300 fast verdoppelt habe - aller Wartung zum Trotz.


Anti-Terror-Kampf

geht weiter


Deutschland setzt sein Engagement im weltweiten Anti-Terror-Kampf unverändert fort. Der Bundestag verlängerte das Mandat der Bundeswehr für die Operation „Enduring Freedom" um zwölf Monate bis November 2003 und verlieh damit seinem Willen Ausdruck, an der Seite der USA und ihrer Verbündeten weiter an der militärischen Bekämpfung des internationalen Terrorismus mitzuwirken. Der Parlamentsbeschluss sieht die Bereitstellung von maximal 3900 Soldaten vor. Derzeit stehen nach Regierungsangaben circa 1230 Männer und Frauen im Einsatz.
Strittig bleibt im Bundestag die Stationierung von ABC-Spürpanzern und 50 Bundeswehrsoldaten in Kuwait. Kritiker werfen Verteidigungsminister Struck vor, die Öffentlichkeit im Unklaren zu lassen über das Verhalten der deutschen Truppen im Falle einer US-Intervention im Irak. Ein Abzug, sagt Struck, wäre „außenpolitisch fatal".
Die knapp 100 Spezialkräfte in Afghanistan setzen die Suche nachAl Qaida-Mitgliedern und Taliban zusammen mit verbündeten Truppen fort. Details zu Art, Umfang, Ort und Zeit des Einsatzes der KSK-Kommandos sind selbst in der Regierung nur wenigen Personen bekannt.
Das Gros des „Enduring Freedom"-Kontingents stellt die Marine. Im ostafrikanischen Djibouti überwachen 650 Soldaten auf vier Schiffen die Seewege um das Horn von Afrika. Unterstützung erhalten sie von 120 Marinefliegern, die mit drei Seefernaufklärern „Atlantic Breguet" in Mombasa/Kenia stationiert sind.


Bundestag verlängert Mandate

(Bundestag verlängert Mandate )

Bild von: Bw Einsatzführungskommando

Der Bundestag hat die Mandate der Bundeswehr in Afghanistan und Mazedonien verlängert. Bis zum 20. Dezember 2003 ist die deutsche ISAF-Truppe vom Plenum beauftragt, für ein sicheres Umfeld in Kabul zu sorgen sowie die Regierung beim Wiederaufbau von Wirtschaft und Infrastruktur zu unterstützen.
Die Mission "Amber Fox", die seit Mitte 2001 einen fortgesetzten Bürgerkrieg in Mazedonien verhinderte, lief im Dezember aus. Die militärische Präsenz in der bisherigen Stärke wird von der Nato für nicht mehr erforderlich gehalten. Der neuen Operation "Allied Harmony" gehören noch 470 Soldaten (vorher 900) an, davon 70 deutsche. Das Bundeswehrmandat endet am 15. Juni 2003.


Kommando in

KABUL

von Knut Peters, freier Journalist in Berlin arbeitet für die WELT AM SONNTAG und BZ

(Soldat und Einwohner von Kabul )

Bild von: Bw Einsatzführungskommando

(Panzer in Kabul )

Bild von: Bw Einsatzführungskommando

Experten schätzen, dass etwa 80 Transportmaschinen der Typen Iljuschin-76 und Antonov-124 (Preis pro Flug: 170000 Dollar) gechartert werden müssen, um das nötige Material einzufliegen. Der harte Winter in Aserbaidschan aber, wo die Charter auf dem Weg von Köln nach Kabul zwischenlanden, zwang die Crews bereits im Dezember zu tagelangen Stopps. Der zeitgerechte Abschluss der Verlegung ist also keineswegs gesichert.
In Kabul werden Deutschland und die Niederlande vom 10. Februar an die Schlüsselrolle im Prozess der Stabilisierung Afghanistans übernehmen. Darin enthalten sind militärische Aufgaben ebenso wie Hilfe bei der politischen Entwicklung, dem wirtschaftlichen Wiederaufbau und der Schaffung neuer Sicherheitsstrukturen durch Polizei und Streitkräfte. Mit anderen Worten: 2003 stehen Deutsche und Holländer dafür gerade, dass die Regierung Karsai nicht scheitert.
Die Strategie dazu wird in einer „Steuerungsgruppe" auf Regierungsebene entwickelt. In dem Gremium sitzen Vertreter der Außen- und Verteidigungsministerien beider Länder. Hinzu kommt in Den Haag das "COC" (Comittee of Contributors), in dem die Militärattaches der truppenstellenden Nationen versammelt sind.
Die operative Führung von ISAF III wird der Befehlshaber Einsatzführungskommando der Bundeswehr in Geltow bei Potsdam haben. Für Generalleutnant Friedrich Riechmann ist das eine Premiere, denn er führt als deutscher Offizier eine Operation zweier Nationen. In Geltow arbeitet bereits das IOCC (ISAF Operations Coordination Center). Sein Auftrag ist es, dafür zu sorgen, dass in Kabul ausreichend Kräfte und Mittel bereitstehen, um die Übergangsregierung effektiv zu stützen. Dazu gehört auch die politisch hochsensible Zusammenstellung geeigneter Einheiten und Verbände aus den rund 20 ISAF-Nationen. Die beteiligten Staaten haben Verbindungsoffiziere nach Geltow geschickt, die wiederum in den Informationsfluss eingebunden werden müssen.
Geltow ist der Umschlagplatz, an dem aus politischen Vorgaben Weisungen für die Truppe werden. Umgekehrt werden dort Meldungen und Anträge aus Kabul aufgenommen, bewertet und an die Politik weitergeleitet. In diesem Wechselspiel zwischen strategischer und operativer Führung liegt die eigentlich neue Qualität des Auftrages "Lead Nation".

(Soldaten schauen auf Kabul )

Bild von: Bw Einsatzführungskommando

"Dabei haben sich Auftrag und Gesamtstärke von ISAF nicht geändert", betont einer der jungen Generalstabsoffiziere im IOCC. "Wir werden auch künftig keine Schutztruppe oder Friedenstruppe führen, sondern eine reine Unterstützungstruppe. Das UN-Mandat ist gleich geblieben." In der Tat: Militärischen Schutz könnte ISAF auch unter deutsch - niederländischer Führung nicht bieten.
Nur knapp ein Viertel der rund 4500 in Kabul stationierten Soldaten sind Einsatzkräfte im Sinne von Infanterie. Das künftige ISAF-Hauptquartier wird von einem Stab gestellt, der in dieser Rolle noch nie im Einsatz war. Erst seit dem vergangenen November besitzt das I. (GE/NL) Korps das NATO-Zertifikat als „High Readiness Forces Headquarter". Es verfügt technisch über die modernsten Führungsmittel, die derzeit in der Allianz zu finden sind. In Kabul wird es eine bi-nationale Führungsrolle übernehmen, aber multinational aufgestellt sein, denn auch im ISAF-Hauptquartier sind alle beteiligten Staaten vertreten. Insgesamt wird der Stab etwa 130 Dienstposten haben.

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Alle Bilder: Bw Einsatzführungskommando

An der Spitze steht als Kommandierender General (COMISAF) zunächst der deutsche Generalleutnant Norbert van Heyst. In seine Hände geht im Februar auch die Planung für den schlimmsten Fall über, die Evakuierung von ISAF, falls die Situation außer Kontrolle gerät. Eine heikle Aufgabe, denn ohne amerikanische Unterstützung beim Lufttransport wäre diese „extraction" von etwa 4500 Mann nicht zu leisten. Und die USA konzentrieren sich längst auf andere Schauplätze.
Neben dem COMISAF wird die Bundeswehr weiter den Kommandeur der multinationalen Brigade Kabul (COMKMNB) stellen, der in der afghanischen Hauptstadt die taktische Führung der ISAF-Kräfte wahrnimmt (s. Interview Seite 13). Dazu gehören vor allem die Patrouillentätigkeit, die Kooperation mit der afghanischen Polizei, die zivil-militärische Zusammenarbeit beim Wiederaufbau und die Abstimmung mit der afghanischen Armee in Fragen der Sicherung. Arbeitsebene des COMISAF sind dagegen die afghanische Regierung unter Präsident Karsai sowie der Hohe Repräsentant der UN, Brahimi, und die Botschafter der ISAF-Nationen in Kabul. Etwa alle 14 Tage trifft sich der COMISAF zum Gespräch mit Karsai oder dessen Vertreter. Hinzu kommt die Pflege der Kontakte zu Nicht-Regierungsorganisationen (NGOs), die beim Wiederaufbau helfen.
Aufgrund der besonderen Bedeutung des Lufttransports wird künftig ein dritter deutscher General in Kabul postiert. Zu seinen Aufgaben zählen vor allem die Koordinierung der ISAF-Luftoperationen in Kabul und Termez (Usbekistan) sowie der Betrieb des Flughafens „KIA".
Auch unter neuer Führung wird ISAF nahezu vollständig aus der Luft versorgt. An den teils abenteuerlichen Bedingungen des Flugbetriebes wird sich kaum etwas ändern. Wer in Kabul landen will, muss sich weiterhin auf die Regeln des Sichtfluges verlassen. Weil die neuen Führungsnationen aber die Verantwortung für die Luftverkehrskontrolle übernehmen, wollen sie zwei neue Radarsysteme zur Luftraumüberwachung mitbringen. "Damit wir wenigstens wissen, was da überhaupt fliegt", sagt einer der Planer.
Die Koordinierung des Luftraumes über Kabul ist ein empfindliches Thema, weil sich hier zwei Dinge nahe kommen, die politisch wie militärisch strikt getrennt bleiben sollen: ISAF auf der einen und die Anti-Terror-Operation Enduring Freedom auf der anderen Seite. Die Verteilung der so genannten „Anflugslots" für Kabul liegt bei den US-Streitkräften, die dazu ein Regional Air Movement Coordination Center eingerichtet haben. Mit der ISAF-Führung übernehmen Deutsche und Niederländer auch die Verantwortung für die Beseitigung aller eventuell auftretenden Defizite. Wo immer Personal oder Material fehlen und kein anderer hilft, müssen sie selbst einspringen. Aus diesem Grund hat der Bundestag für die Wahrnehmung der Lead-Nation-Aufgabe der Entsendung von weiteren 1000 Soldaten nach Afghanistan zugestimmt. Diese Zahl wird vorerst nicht voll ausgeschöpft. Die maximale Gesamtstärke des deutschen ISAF-Kontingents beträgt künftig 2500 Soldaten.
Befristet ist die "Lead Nation"-Funktion für Deutschland und die Niederlande zunächst auf sechs Monate. Wer die Ablösung stellt, muss noch geklärt werden. Und die Uhr tickt.

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Karte: Spiegel


Der lange Weg in die

innere Stabilität

von Ekkehard Kohrs

Ein Jahr nach der ersten Petersberg-Konferenz wird in Bonn deutlich, dass Afghanistan noch immer ein Unsicherheitsfaktor in der Region ist


„Wir sind eine Nation und eine Kultur, wir glauben an den Islam, aber als Religion der Toleranz, und wir wünschen uns alle eine Loja Dschirga" (Große Ratsversammlung). Diese Botschaft sendete am 28. November 2001 bei der ersten Afghanistan-Konferenz auf dem Petersberg bei Bonn der paschtunische Stammesälteste Hamid Karsai per Telefon an die Delegierten.AnfangDezember, ein Jahr später, saß man wieder in der Rotunde der ehemaligen Alliiertenresidenz über dem Rhein beisammen, diesmal war Karsai anwesend, nunmehr Interimspräsident des von 23 Bürgerkriegsjahren geschundenen Landes am Hindukusch. Es sollte eine erste Bilanz des Wiederaufbaus gezogen werden.

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Bild von: Bundesbildstelle

Die Zahl der Aufgaben, die Karsai in seiner wie eine Regierungserklärung klingenden Rede auflistete, schien für die Zukunft nicht gerade ermutigend: Aufbau einer öffentlichen Verwaltung und einer Armee, Entwaffnung der Mudschahedin, Korruptions-, Drogen- und Terrorismusbekämpfung, Aufbau eines Steuer-, Justiz- und Bildungssystems und Wirtschaftsankurbelung. Im Dezember 2003 soll eine Verfassung mit anschließenden Wahlen verabschiedet werden.

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Bild von: Bundesbildstelle

Karsais größtes Problem ist derzeit, dass seine Macht am Rande von Kabul endet. Während er auf dem Petersberg konferierte, tobten wieder Kämpfe zwischen Tadschiken und Paschtunen im Bezirk Ser-i-Koh. Die Kriegsfürsten bereichern sich unverändert, die Taliban und die Al-Qaida spuken noch immer in den Köpfen vieler Afghanen herum, die Frauenrechte stehen nur auf dem Papier, Lehrer fehlen und viele andere Defizite machen dem stets optimistisch auftretenden Karsai das Leben mehr als schwer. Hinzu kommen die unveränderten Gegensätze zwischen den afghanischen Ethnien, Paschtunen, Tadschiken, Usbeken, Hesoren, Nuristani, Belutschen, Turkmenen und Kirgisen stehen sich teils unversöhnlich, teils untereinander locker verbündet gegenüber. An diesen alten Gegensätzen und Feindschaften kann auch die internationale Staatengemeinschaft mit ihrer militärischen, zivilen und finanziellen Hilfe nur wenig ändern. Ethnische Animositäten und uralte Vorurteile bauen sich nicht von heute auf morgen ab, schon gar nicht bei einer völlig desolaten Wirtschaftslage, einer hohen Analphabetenrate und einer weitgehend zerstörten Infrastruktur.
Dennoch oder gerade deswegen will die Bundesregierung an ihrer Hilfe festhalten. Deutschland ist neben den USA und Japan der größte Geldgeber. 2002 hat Deutschland 78 Millionen Euro für Wiederaufbau und 37 Millionen an humanitärer Hilfe zur Verfügung gestellt.
Deutschland hat traditionell freundschaftliche Beziehungen zu Afghanistan. Die Deutschen sind frei vom Odium einer ehemaligen Kolonialmacht. Seit Jahren ist die Bundesregierung um Unterstützung bemüht für das strategisch wichtige Land zwischen China, Iran, Usbekistan, Tadschikistan, Kasachstan und Pakistan.
Ein Jahr nach der ersten Petersberg-Konferenz ringen die Afghanen, geschüttelt vom Partikularismus der Ethnien, noch immer um innere Stabilität. Nun soll nicht durch eine Ausweitung des ISAF-Mandats, sondern durch den auf dem Petersberg bekannt gegebenen Aufbau einer schlagkräftigen Armee von rund 70000 Mann im Land für Sicherheit gesorgt werden. Voraussetzung dafür ist wiederum der wirtschaftliche Aufbau. "Langwierig" war eines der meist gebrauchten Worte im Nobelhotel auf dem Petersberg. Dennoch herrschte auch Zuversicht, ohne die man auch nicht weiter kommen wird.

Auf dem Sprung in

den Einsatz

von Marco Seliger

Abschiedsstimmung in der Georg-Friedrich-Kaserne in Fritzlar. In den Stuben türmen sich See- und Rucksäcke. Es geht in den Einsatz nach Afghanistan.

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Bild von: Thomas Rosenthal

Öfter als gewollt schweifen die Gedanken in die Ferne. Was erwartet mich? Werde ich die lange Zeit physisch und psychisch unbeschadet überstehen? Wird das Verhältnis zur Familie und zu Freunden so wie früher sein, wenn ich nach Hause zurückkehre? Fragen, die sich auch Oberstleutnant der Reserve Walter Hackel in diesen Tagen stellt. Er ist einer von 82 Reservisten, die dem dritten Einsatzkontingent der Internationalen Schutz- und Beistandstruppe (ISAF) in Kabul (ca. 1300 Soldaten) angehören. Seine äußere Gelassenheit täuscht über die innere Anspannung hinweg. „Es kann losgehen", sagt der 49-Jährige. Es klingt ungeduldig.
Vor neun Monaten begann Hackel mit der Ausbildung, deren Schwerpunkt ein einwöchiger Lehrgang auf dem Truppenübungsplatz Heuberg in Stetten am kalten Markt bildete. Minenkunde, Aufbau und Betrieb von Checkpoints, Personenkontrolle, Erste Hilfe, Landeskunde und psychologische Schulung - nie habe er eine bessere Ausbildung in der Bundeswehr durchlaufen. Der Reserveoffizier weiß, wovon er spricht. Er übt seit Jahren regelmäßig im Stab der l. Luftmechanisierten Brigade in Fritzlar, seiner „militärischen Heimat". Hackel gehöre bereits zum Inventar, schmunzelt Kommandeur Werner Freers. Die im Hessischen stationierten Heeresflieger stellen derzeit den Leitverband des Stabes und der Stabs-/Versorgungskompanie in der Multinationalen Brigade Kabul (KMNB).
Er habe die Männer, mit denen ihn eine langjährige Kameradschaft verbindet, keinesfalls allein in den Einsatz ziehen lassen wollen, erklärt Hackel seine Beweggründe.
Die Truppe plante ihn daraufhin umgehend ein. Auf Freiwillige wie den Strahlenschutzingenieur, der sonst in leitender Funktion am Rückbau des Versuchsatomkraftwerks Kahl in Bayern arbeitet, werde nicht zuletzt wegen ihrer sozialen Kompetenz und ihrer hohen Motivation gern zurückgegriffen, sagt Werner Freers.„Außerdem", fügt der Brigadegeneral hinzu, „entlasten die Reservisten die aktive Truppe".
Walter Hackel wird als Stabsoffizier im Bereich der Besucherbetreuung eingesetzt. Er erstellt das Besuchsprogramm von Politikern und ranghohen Militärs, die sich über den Einsatz der Truppe in Kabul informieren wollen. Eine Tätigkeit, die ihn aufgrund des hohen Besucheraufkommens stark beanspruchen, dafür aber durch das komplette Einsatzgebiet führen wird. „Ich hoffe, die Menschen in Kabul, ihre Lebensverhältnisse, ihre Lebensweise, ihre Kultur und damit ein Stück Orient kennen zu lernen", sagt der Reserveoffizier.
Er nennt es "Horizonterweiterung", ein Wort, das oft fällt, wenn Reservisten ihren Entschluss für einen Auslandseinsatz begründen. Ein Begriff, der auch Hackels Arbeitgeber überzeugt hat. Durch seinen Bundeswehreinsatz erwarte das Unternehmen einen Eigengewinn, berichtet der Ingenieur vom Gespräch mit dem Chef, in dem er die zu erwartende internationale Erfahrung und die erweiterte soziale Kompetenz herausstrich.
Sein Vorhaben beeindruckte auch die Familie. „Alle Achtung, was du auf deine alten Tage anstellst!", lautete die Reaktion der erwachsenen Kinder, als sie der Vater vom bevorstehenden Einsatz in Kenntnis setzte. Zu diesem Zeitpunkt wusste Walter Hackel bereits seine Ehefrau hinter sich, auch wenn er ihre Sorge um sein Leben und seine Gesundheit nicht vollständig vertreiben konnte. „Sie freut sich aber für mich", sagt er. Geteilt sind die Reaktionen im Bekanntenkreis. Hackel: „Während in der Reservistenkameradschaft einige darüber nachdenken, sich für einen Einsatz zu bewerben, fragen andere, ob ich sie noch alle hätte".

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Koalition der Willigen feiert einen Erfolg



22 Nationen helfen Amerika mit Soldaten bei der Befriedung des Iraks. Die Festnahme Saddam Husseins wird allgemein als Triumph bezeichnet, doch ein Sieg ist sie nicht. Von Matthias Rüb - Aus LOYAL Nr.1 Jannuar 2004


Als der Präsident am 14. Dezember, dem Tag nach der spektakulären Festnahme Saddam Husseins in einem Erdloch bei Tikrit, mit einer kurzen Ansprache aus dem Weißen Haus vor das Volk trat, sprach er viel vom Irak und von den „Zielen unserer Koalition". Er sprach vom fortdauernden Kampf für die Selbstbestimmung des Iraks, von der Würde einer großen Kultur und von der Möglichkeit zu einem besseren Leben für jeden Bürger des Iraks. Natürlich sprach George W. Bush auch von Amerika, aber dies vor allem im Zusammenhang mit der Warnung, dass die Gewalt im Irak auch nach der Gefangennahme des gestürzten Diktators noch nicht zu Ende sei und dass im Interesse der Sicherheit der Vereinigten Staaten der Krieg gegen den internationalen Terrorismus fortgesetzt werden müsse - „Festnahme um Festnahme, Zelle um Zelle, Sieg um Sieg". Und am Tag darauf, bei der letzten Pressekonferenz des Präsidenten im alten Jahr, war wieder viel von einem freien Irak, von der Koalition „aus über 60 Staaten" und vom „nationalen Interesse" aller Staaten „an einem freien und friedlichen Land im Herzen des Nahen Ostens" die Rede.

Die Botschaft war klar: Nur keinen Triumph zeigen, sondern mit Wachsamkeit gepaarte Zuversicht; bloß niemanden vom amerikanisch angeführten Zwillingskampf gegen den internationalen Terrorismus und für einen freien Irak ausschließen, sondern möglichst viele in diesen einschließen. Man kann in des Präsidenten wiederholter Geste der Umarmung auch eine Reaktion auf das Memorandum des Pentagons vom 5. Dezember sehen. Darin waren Firmen aus Staaten wie China, Frankreich, Rußland oder Deutschland, deren Regierungen sich gegen den Krieg im Irak ausgesprochen hatten, von Ausschreibungen für Wiederaufbauprojekte im Irak ausgeschlossen worden – sofern diese sich als Generalunternehmer ein schönes Stück von dem mit amerikanischen Steuermitteln in Höhe von 18,6 Milliarden Dollar gebackenen Kuchen abschneiden wollten. Dass eine Beteiligung als Subunternehmen möglich bleibt und auch schon praktiziert wird; dass man dem amerikanischen Staat schlecht vorschreiben kann, wie er die von den eigenen Bürgern aufgebrachten Steuermittel verwenden soll, ging im kalkulierten Aufschrei der Empörung unter. Ebenso wie der Umstand, dass Berlin und Paris an der Internationalen Geberkonferenz für den Irak vom Oktober in Madrid keinen einzigen zusätzlichen Cent über ihren Anteil am Beitrag der EU hinaus für den Wiederaufbau des Iraks geben wollten. Wo es doch aller Welt und vornehmlich den Regierungen in Berlin und Paris angeblich so sehr um das Wohl des irakischen Volkes geht - und nicht in erster Linie um jenes deutscher oder französischer Unternehmen.

Dennoch war der Effekt des Memorandums aus dem Pentagon verheerend, denn es wurde von einigen Europäern als Zeichen kleinlicher Revanchelust aufgefasst. Dabei hätte es als Einladung in die „Koalition der Willigen" verstanden werden sollen: Selbst wer sich jetzt noch zu dieser Koalition bekennt, auch wenn dies vorerst nur verbal und nicht gleich mit der Entsendung von Stabilisierungstruppen in den Irak geschieht, kann etwas abbekommen vom üppigen Fluss amerikanischer Steuergelder in den Irak.
Jedenfalls verdanken wir dem vom stellvertretenden Verteidigungsminister Paul Wolfowitz unterzeichneten Memorandum die gleichsam amtliche Liste mit den Namen der derzeit 63 Staaten in der „Koalition der Willigen". Man tut, bei allem Respekt, Ländern wie Eritrea, Mikronesien, Moldawien, Palau, den Salomon-Inseln oder Tonga gewiss kein Unrecht, wenn man ihren Einfluss auf die internationale Politik als gering einschätzt. Staaten wie Ägypten, Australien, Italien, Japan, Polen, Rumänien, Saudi-Arabien, Spanien, die Türkei oder natürlich Großbritannien bringen dagegen beträchtliches geostrategisches und auch militärisches Gewicht ein. Trotz mancher Rückschläge, etwa dem aus politischen und historischen Gründen gebotenen Verzicht auf die von Ankara nach langem Zögern schließlich doch angebotene Stationierung türkischer Truppen im Irak, kommt der Ausbau des internationalen Elements in den amerikanisch geführten Besatzungsstreitkräften voran. Gegenwärtig (Stand Mitte Dezember) beläuft sich die Zahl der amerikanischen Truppen im Irak auf 130 000, hinzu kommen etwa 24000 Mann der Koalitionspartner - wobei das Pentagon mittelfristig eine Reduktion der amerikanischen und einen Ausbau der internationalen Streitkräfte im Irak erreichen will.
Mit gut 10000 Mann stellt Großbritannien nach wie vor das mit Abstand größte Kontingent unter den Partnern in der Koalition und behält zudem das Kommando über den südlichen Sektor im Irak. Polen ist mit 2500 eigenen Soldaten und mit dem Oberbefehl über die insgesamt 9000 Mann starke internationale Division mit Soldaten aus 21 Ländern in der Mitte des Landes zum maßgeblichen Partner bei den Befriedungsbemühungen im Irak aufgestiegen. Italien und Spanien - mit 2300 beziehungsweise 1300 Soldaten - sind im Irak zwei wesentliche Verbündete Amerikas aus der nicht zuletzt wegen des Krieges zum Sturz Saddam Husseins so tief zerstrittenen Europäischen Union. Die nach wie vor etwa 800 australischen Soldaten - Australien hatte sich wie Polen von Beginn an aktiv an der Invasion beteiligt – sowie die zu erwartende Entsendung von bis zu 1000 japanischen und einigen hundert südkoreanischen Truppen sind Zeichen des fortdauernden großen Einflusses der Vereinigten Staaten in der Region Asien- Pazifik. Soldaten aus Costa Rica, Honduras und Nicaragua, die unter spanischem Kommando in einer „hispanischen" Brigade zusammengefasst sind, sollen der Welt zeigen, dass die Staaten Mittelamerikas weiter den großen Nachbarn im Norden brauchen.


Anfang Dezember reiste Verteidigungsminister Donald Rumsfeld zum Ministertreffen der wegen des Streits um den Irakkrieg ebenfalls heftig ramponierten NATO nach Brüssel. Dabei versäumte er es nicht, vor allem den widerspenstigen Partnern im atlantischen Bündnis vorzurechnen, dass im Irak schon 18 von 26 NATO –Mitgliedern an der Seite Amerikas stünden – jene sieben Neumitglieder gleich mitgerechnet, die im Frühjahr offiziell der Nato beitreten sollen.


So wie Präsident Bush und seine Minister stolz die wachsende Mitgliederschar der „Koalition der Willigen" präsentieren und ihre starken Arme für möglichst viele neue Partner ausbreiten, so folgen auch jene, die dem Ruf in den Irak bereits gefolgt sind, eigenen politischen oder geostrategischen Interessen. In Rom und Madrid stellen sich die Regierungschefs an die Seite von Präsident Bush, weil sie diesem weltanschaulich verbunden sind und sich zudem als eigenständige politische Kräfte in der EU und der NATO beweisen wollen – selbst gegen die Überzeugung der Mehrheit ihrer Bevölkerungen. Ähnliches gilt für Dänemark und die Niederlande. Die neuen oder künftigen EU- und NATO-Mitglieder Mittel-und Osteuropas - von Bulgarien und Rumänien über die drei baltischen Staaten bis zu Polen, der Slowakei, Tschechien und Ungarn - erinnern ihre oft gar zu überheblichen und kleingeistigen Tischnachbarn bei den EU Beitrittsverhandlungen daran, dass ihnen Amerikas Schutzgarantie, Bündnistreue und Führungsstärke wichtiger sind als eine Milchquote aus Brüssel. Dass dort ausgerechnet an jenem Tag, an welchem Amerika mit der Festnahme Saddam Husseins den größten Erfolg im Irak nach dem Fall Bagdads feierte, das EU-Gipfeltreffen wegen des Streit um die Machtverteilung im gemeinsamen Haus Europa scheiterte, kann fast kein Zufall sein.


WORLD TRADE CENTER TEIL I

WORLD TRADE CENTER TEIL II

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